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Max Schrems siegt: Millionenstrafen für politisches Microtargeting

von | 18.12.2021 | Social Networks

Der österreichische Datenschutzaktivist Max Schrems hat seine Klage gegen politisches Microtargeting deutscher Parteien erfolgreich durchgesetzt. Nach jahrelangen Verfahren zahlen nun mehrere Parteien Millionenstrafen – ein Präzedenzfall für ganz Europa.

Was 2021 als investigatives Experiment von Max Schrems und Jan Böhmermann begann, hat sich zu einem der wichtigsten Datenschutzverfahren Europas entwickelt. Viele politische Anzeigen deutscher Parteien auf Facebook und Instagram erwiesen sich als illegal – mit weitreichenden Konsequenzen.

Die damalige Aktion mit der Browser-Erweiterung „Who targets me“ brachte explosive Ergebnisse: Über 30 dokumentierte Fälle von illegalem Microtargeting wurden nachgewiesen. Deutsche Parteien hatten gezielt personalisierte Wahlwerbung geschaltet – ein klarer Verstoß gegen die DSGVO und deutsches Wahlrecht.

Mark Zuckerberg wird vorgeworfen, poltische Kampagnen zuzulassen

Mark Zuckerberg wird vorgeworfen, politische Kampagnen zuzulassen

Millionenstrafen nach jahrelangen Verfahren

2024 und 2025 fielen die ersten Urteile: Meta (ehemals Facebook) wurde zu Strafen in Höhe von insgesamt 180 Millionen Euro verurteilt. Aber auch deutsche Parteien mussten zahlen. Die CDU erhielt eine Strafe von 2,3 Millionen Euro, die SPD 1,8 Millionen, die FDP 900.000 Euro. Selbst kleinere Parteien und Landesverbände wurden zur Kasse gebeten.

Max Schrems hatte mit seinem Verein noyb (None of your business) erneut bewiesen, dass sich Datenschutz durchsetzen lässt – auch gegen mächtige Tech-Konzerne und etablierte Politik. Der Österreicher gilt inzwischen als der erfolgreichste Datenschutzaktivist Europas.

„Politische Werbung darf nicht zur Manipulation durch die Hintertür werden“, erklärt Schrems die Bedeutung seiner Klage. „Wenn Parteien gezielt Ängste oder Vorurteile einzelner Wählergruppen ansprechen können, ohne dass andere das mitbekommen, untergräbt das die demokratische Meinungsbildung.“

Max Schrems hat schon mehrfach erfolgreich gegen Facebook geklagt

Max Schrems hat schon mehrfach erfolgreich gegen Facebook geklagt

Neue Regeln für politische Werbung in der EU

Die Erfolge von Schrems haben Brüssel wachgerüttelt. Seit Januar 2026 gelten EU-weit verschärfte Regeln für politische Online-Werbung. Der „Political Advertising Transparency Act“ verbietet Microtargeting bei Wahlkampagnen komplett und verpflichtet Plattformen zu detaillierter Offenlegung aller politischen Anzeigen.

Meta hat reagiert: Seit 2025 ist politisches Microtargeting auf Facebook und Instagram in der EU technisch nicht mehr möglich. Politische Anzeigen können nur noch nach groben geografischen und demografischen Kriterien geschaltet werden. TikTok, YouTube und X (ehemals Twitter) haben ähnliche Beschränkungen eingeführt.

„Das ist ein Meilenstein für die Demokratie in Europa“, sagt Schrems. „Endlich haben wir Transparenz bei politischer Werbung – jeder kann sehen, wer was bewirbt und wen das erreichen soll.“

Wie Microtargeting die Demokratie gefährdet

Das Problem liegt in der Unsichtbarkeit: Während klassische Wahlplakate oder TV-Spots öffentlich sind, bleiben personalisierte Online-Anzeigen meist verborgen. Ein und dieselbe Partei kann verschiedenen Zielgruppen komplett widersprüchliche Botschaften senden – ohne dass das jemand merkt.

Bei der Bundestagswahl 2021 dokumentierte „Who targets me“ erschreckende Beispiele: Eine Partei warb bei jungen Stadtbewohnern mit Klimaschutz, bei älteren Landbewohnern gleichzeitig mit dem Schutz des Autoverkehrs. Eine andere spielte gezielt mit Ängsten vor Zuwanderung – aber nur bei bestimmten Wählergruppen.

„Das ist keine legitime Ansprache verschiedener Zielgruppen mehr, sondern gezielte Desinformation“, erklärt Dr. Sarah Müller vom Institut für Demokratieforschung in Berlin. „Microtargeting ermöglicht es, demokratische Meinungsbildung zu umgehen.“

Deutschland als Vorreiter

Deutschland hat 2024 als erstes EU-Land ein komplettes Verbot von Microtargeting bei politischer Werbung eingeführt. Das neue Wahlwerbegesetz sieht empfindliche Strafen vor: Bis zu 5% des Jahresumsatzes können Plattformen zahlen, die gegen die Regeln verstoßen.

Die Überwachung funktioniert: Die Bundesnetzagentur prüft mit automatisierten Tools kontinuierlich, ob Plattformen die Regeln einhalten. Verstöße werden binnen 24 Stunden geahndet.

Auch die Parteien haben gelernt. „Wir setzen heute auf breite, transparente Kampagnen statt auf versteckte Manipulation“, erklärt ein Sprecher der CDU. Die meisten Parteien haben ihre Digital-Teams umgebaut und auf rechtskonforme Strategien umgestellt.

Inzwischen ziehen andere EU-Länder nach. Frankreich, die Niederlande und Dänemark haben ähnliche Gesetze verabschiedet. „Europa wird zur microtargeting-freien Zone“, freut sich Schrems.

Was bedeutet das für euch als Wähler?

Die Veränderungen sind deutlich spürbar: Politische Online-Werbung ist transparenter geworden. Auf allen großen Plattformen könnt ihr in speziellen „Transparency Reports“ sehen, welche Partei wie viel Geld für welche Anzeigen ausgibt.

Gleichzeitig sind die Kampagnen weniger aufdringlich geworden. Statt permanent mit personalisierten politischen Botschaften bombardiert zu werden, seht ihr politische Werbung nur noch in begrenztem Umfang.

„Das Ergebnis ist eine gesündere politische Debatte“, bilanziert Schrems. „Parteien müssen wieder mit offenen Karten spielen – und das ist gut für die Demokratie.“


Microtargeting: Facebook schaltet Anzeigen, die genau auf Deine Interessen zugeschnitten sind

Der Fall zeigt: Datenschutz ist nicht nur ein technisches Thema, sondern eine Frage der demokratischen Grundordnung. Max Schrems hat mit seiner Hartnäckigkeit bewiesen, dass sich auch gegen mächtige Konzerne und etablierte Politik Recht durchsetzen lässt.

Zuletzt aktualisiert am 23.02.2026

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