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Antivirus-Software als Datenkrake: Warum wir eine Datenschutz-Ampel brauchen

von | 30.01.2020 | Software

Kostenlose Antivirus-Software klingt verlockend – doch der wahre Preis zeigt sich oft erst später. Der Fall Avast aus 2020 war nur der Anfang: Heute verkaufen viele Security-Anbieter Nutzerdaten als Geschäftsmodell. Zeit für mehr Transparenz.

Die meisten Experten – auch wir hier bei Digitalistan – empfehlen gebetsmühlenartig: Windows-Benutzer sollten einen Virenschutz installieren. Zu groß die Gefahr, in die Fänge von Viren, Würmern und Datenräubern zu geraten. Ein guter Virenschutz kann helfen, unerwünschte Schnüffeleien abzuwenden.

Die Firma AVG bot mit Avast Antivirus einen eigentlich schönen Virenschutz an. Für Privatleute war er sogar kostenlos. Rund 435 Millionen Menschen weltweit nutzten Avast Antivirus. Wie schön – und freundlich vom Unternehmen, dachten damals viele.

Der Avast-Skandal von 2020: Ein Wendepunkt

Doch 2020 wurde klar: Die Nutzer zahlten doch einen Preis dafür. Die Software sammelte Informationen über das Surfverhalten: Welche Webseiten wurden angesteuert, welche Suchbegriffe eingegeben, auch GPS-Daten von Google Maps, angeschaute YouTube-Videos oder aufgerufene LinkedIn-Profile merkte sich die Software. All die Daten sammelte der Hersteller – und verkaufte sie in Bausch und Bogen an Verwerter wie Google, Microsoft, Pepsi, Condé Nast, Yelp, McKinsey und einige andere.

Anonymisiert zwar – aber da Avast von jedem Nutzer eine Nutzer-ID hatte, ließen sich die im Zweifel auch wieder eindeutig Personen zuordnen. Es stand zu befürchten, dass Werbenetzwerken wie von Google oder Microsoft das auch auf eigene Art und Weise gelang. Die Anonymisierung wäre also schnell dahin.

Der eigentliche Skandal war: Die Nutzer wurden weder darüber informiert, noch gefragt. In den Nutzungsbedingungen gab es nebulöse Formulierungen, die darauf hindeuteten, dass der „Clickstream“ ausgewertet wird. Aber wer kam schon darauf, dass damit das Surfverhalten gemeint war?

Foto: Expertiger

Was hat sich seit 2020 geändert?

Avast schloss damals zwar das Tochterunternehmen Jumpshot und versprach, keine Daten mehr zu verkaufen. Doch das Problem ist geblieben: Viele kostenlose Security-Tools finanzieren sich nach wie vor über Datensammlung und -verkauf. Nur die Methoden sind raffinierter geworden.

Heutige Antivirus-Programme sammeln oft:
– Telemetrie-Daten über Systemleistung
– Informationen über erkannte Bedrohungen
– Browsing-Verhalten für „verbesserte Sicherheit“
– App-Nutzungsmuster
– Geräteinformationen und Hardware-Details

Die DSGVO hat zwar für mehr Transparenz gesorgt, aber die Cookie-Banner und endlosen Datenschutzerklärungen überfordern die meisten Nutzer. Das Ergebnis: Wir klicken reflexartig auf „Alle akzeptieren“ und geben trotzdem unsere Daten preis.

Die aktuelle Lage bei Security-Anbietern

Eine Untersuchung von 2025 zeigt: Über 60 Prozent der kostenlosen Antivirus-Programme sammeln mehr Daten als nötig. Besonders problematisch sind Programme von Norton (NorTech), McAfee und verschiedene No-Name-Anbieter aus Osteuropa und Asien.

Dabei gibt es durchaus saubere Alternativen: Windows Defender ist mittlerweile sehr gut geworden und sammelt deutlich weniger Daten. Auch Bitdefender, ESET und Kaspersky (trotz der geopolitischen Diskussionen) arbeiten transparenter als viele Konkurrenten.

Ampellösung bringt mehr Transparenz für alle

Niemand kann erwarten, dass arglose Nutzer Dutzende Seiten AGBs durchlesen – und verstehen. Niemand kann das. Deshalb brauchen wir eine andere Art, die Nutzer zuverlässig zu informieren.

Mein Vorschlag von 2020 ist aktueller denn je: Eine Datenschutz-Ampel.

Grün: Wir erheben und speichern Daten, die zum Betrieb des Dienstes erforderlich sind. Sie werden nicht geteilt oder verkauft.

Gelb: Wir erheben und speichern Daten, die zum Betrieb erforderlich sind – und teilen sie unentgeltlich mit dritten Diensten.

Rot: Wir erheben und speichern Daten – und verkaufen diese an dritte Unternehmen.

Dann wüssten wir endlich, woran wir sind. Meine Befürchtung von damals hat sich bestätigt: Die meisten Apps und Onlinedienste wären mit einer roten Ampel versehen.

Was ihr heute tun könnt

Statt auf kostenlose Antivirus-Programme mit fragwürdigen Geschäftsmodellen zu setzen, solltet ihr:

  1. Windows Defender nutzen: Microsofts hauseigener Schutz ist kostenlos, effektiv und sammelt weniger Daten als die meisten Alternativen

  2. Bei kostenlosen Tools skeptisch sein: Fragt euch immer, wie sich der Anbieter finanziert, wenn das Produkt kostenlos ist

  3. Datenschutzerklärungen scannen: Sucht nach Begriffen wie „Datenmonetarisierung“, „Partnernetzwerke“ oder „Drittanbieter“

  4. Bezahlte Alternativen erwägen: Kostenpflichtige Security-Suiten sind oft transparenter bei der Datennutzung

  5. Regelmäßig Einstellungen prüfen: Viele Programme aktivieren Datensammlung über Updates wieder

Der Fall Avast war ein Weckruf – aber leider nicht der letzte. Solange wir als Gesellschaft nicht mehr Transparenz einfordern, werden Security-Anbieter weiterhin unsere Daten als Nebenprodukt betrachten. Dabei sollte Sicherheitssoftware uns schützen, nicht zusätzlich ausspionieren.

Zuletzt aktualisiert am 02.03.2026

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