Sprachassistenten: Nützlich, aber auch Wanzen – dabei müsste das nicht sein

von | 04.07.2022 | Software

Wir gewöhnen uns immer mehr daran, mit unseren Geräten zu sprechen: Smartphones verstehen gesprochene Anweisungen ebenso wie „Smart Speaker“ oder sogar Smart-TVs oder Küchengeräte. Der Nutzen kann hoch sein. Doch es gibt auch Risiken – aber die müssten nicht sein.

Hey Siri, wie spät ist es? Kurz vor der Sendung hatte ich die Hände voll und wollte wissen, ob ich mich ins Studio sputen muss…

Für sowas sind Digitale Assistenten wirklich praktisch. Sie beantworten Fragen, tragen Termine in Kalender ein, übersetzen Wörter, berechnen Fahrtstrecken und vieles andere mehr.

Die Assistenten  machen große Fortschritte. Aber sie sind auch irgendwie wie ein ständig lauschendes Ohr von Amazon, Google, Microsoft, Apple und Co.. Ich nutze selbst auch digitale Assistenten, aber nicht ohne Magengrummeln…

Alexa kann mit weiblicher oder männlicher Stimme sprechen

Alexa kann mit weiblicher oder männlicher Stimme sprechen

Gesprochene Anweisungen: Im Auto oder zu Hause

Ja, auch ich nutze Sprachassistenten. Es ist einfach praktisch, im Auto mit dem Bordcomputer zu sprechen, das Fahrtziel zu sagen oder den Radiosender per Sprachbefehl auf WDR5 zu ändern. Das dient der Verkehrssicherheit, denn so muss ich mich nicht durch Menüs am Display durchfummeln…

Auch zu Hause oder im Büro nutze ich gezielt Sprachassistenten. In meinem Home Studio zum Beispiel, in dem ich Videos drehe oder Liveschalten fürs Fernsehen mache: „Hey Siri, schalte Studiolicht ein“ und „Hey Siri, schalte Lichtkette ein – in blau“, und das Setting stimmt. Ich muss keine Knöpfe drücken oder durch den Raum laufen. Ideal, wenn man alleine im Studio ist. Hier ist der digitale Assistent wirklich ein Assistent.

Die Liste praktischer Situationen lässt sich endlos verlängern. In der Küche zum Beispiel, wenn die Hände verschmiert sind, lassen sich Rezepte per Sprachbefehl abrufen – oder Hilfe anfordern. Wer wollte bestreiten, dass das einem das Leben leichter machen kann.

Apple HomePod

Mit weiblicher Stimme

Es gibt Menschen, die stören sich daran, dass die meisten Assistenten Assistentinnen sind, also mit weiblicher Stimme sprechen. Darauf haben sich die Anbieter längst eingestellt. Wer mag, kann aus seiner Assistentin einen Assistenten machen – und sich Nachfragen und Antworten mit einer dunklen Stimme anhören.

Seit kurzem geht das auch bei Amazon Echo: Während die weibliche Stimme „Alexa“ heißt, nennt sich die männliche Stimme „Ziggy“. Für die meisten wird es trotzdem Alexa bleiben. Haben wir so gelernt.

So praktisch das alles ohne jede Frage ist: Ganz wohl ist mir bei der Sache trotzdem nicht. Denn Sprachassistenten sind selbst für einen Experten wie mich eine Art „Black Box“. Niemand kann wissen, wann sie zuhören, was sie mitschneiden, welche Daten anfallen.

Und weil man nur selten in die dazugehörige App schaut, weiß man auch nicht, welche Konfiguration gerade aktuell ist. Was habe ich eigentlich eingestellt: Immer mithören, Daten sammeln, Zugangsdaten speichern?

Amazon Echo: Der Sprachassistenz von Amazon kann jetzt auch mit männlicher Stimme sprechen

Amazon Echo: Der Sprachassistenz von Amazon kann jetzt auch mit männlicher Stimme sprechen

Alles Gesagte geht ab in die Cloud

Wichtig zu wissen: Sprachassistenten verarbeiten die Sprachanweisungen nicht im Gerät, sondern bauen bei nahezu jeder Anweisung eine Verbindung zu Servern auf. Dort werden die Sprachbefehle mithilfe von KI analysiert und interpretiert. Was will Nutzerin oder Nutzer von mir? Muss ich Daten einholen – oder Geräte steuern? Welche Haushaltsgeräte sind registriert? Sind die ansprechbar, reagieren sie?

Das geht alles blitzschnell – und unbemerkt. Aber es bedeutet auch: Jede einzelne Anweisung landet auf Servern. Was wir gesagt haben – und auch wie. Auf den Servern liegen quasi anhörbare Dokumente von allem, was wir mit dem Assistenten besprochen haben.

Davon kann sich jeder selbst ein Bild machen. Wer die nötige Energie aufbringt, kann in die Untiefen seiner Privatsphäreeinstellungen vordringen und sich dort sogar anhören, was er vor vier Monaten gesagt hat. Oder auch Sprachfetzen von Gesprächen hören: Immer dann, wenn sich ein Assistent angesprochen fühlt, obwohl er gar nicht angesprochen ist, geht das gesprochene Wort auch zu Servern und wird dort gespeichert.

Das mag den einen gar nicht stören, den anderen fuchsteufelswild machen.

Eine Frage des Vertrauens

Am Ende ist es eine Frage des Vertrauens. Vertraue ich dem Unternehmen, das den Assistenten betreibt? Bei Amazon wissen wir, dass der Konzern Weltmeister im Verarbeiten und Ausschlachten von Daten ist. Ich würde nicht darauf wetten, dass der Konzern mit meinen Daten diskret umgeht. Zumal Amazon sogar ein Patent darauf hat, meine aktuelle Stimmungslage anhand meiner Stimme zu erkennen. Das finde ich dann nur noch – spooky.

Und Amazon hat gerade eine Funktion eingeführt, die Alexa respektive Ziggy sogar reagieren lässt, wenn bestimmte Geräusche zu hören sind. Tropfender Wasserhahn, das Piepen des Trockners: Alexa kann das erkennen und auf Wunsch dann zum Beispiel den Trockner abschalten. Aber es bedeutet eben auch, dass Amazons Assistent noch genauer hinhört und selbst bei kleinsten Geräuschen aktiv wird.

Und es kommt noch dicker. Wie das ARD-Magazin Kontraste vor längerer Zeit mach recherchiert hat, ist es denkbar, dass Geheimdienste oder der Verfassungsschutz auf Alexa-Daten – und die anderer Assistenten – zugreifen könnten. Denkbar bequem für die Behörden: Haben sie die Genehmigung, jemanden zu belauschen, müssen sie nicht mal Equipment installieren. Die Mikros sind schon da. Amazon liefert die Daten.

Privatsphäre adé

Privatsphäre adé. Das muss jedem klar sein, der sich so ein Gerät zu Hause hinstellt. Die Geräte übertragen die Daten unverschlüsselt. Das gesprochene Wort wird bei Amazon gespeichert. Amazon-Mitarbeiter können reinhören, Behörden darauf zugreifen. Hacker theoretisch mithören. Wenn das nicht abschreckende Argumente sind.

Und der Gesetzgeber? Zuckt wie immer mit den Schultern. Jedenfalls ist kein Bemühen erkennbar, sich um diese erheblichen Eingriffe in unsere Privatsphäre zu kümmern. Dabei wäre es so einfach. Etwa ein Gesetz, das klar regelt: Das gesprochene Wort ist heilig. Auch für Digitale Assistenten. Eine Speicherung ist nur mit ausdrücklicher Zustimmt und regelmäßiger Information darüber erlaubt. Wollen Menschen aus Fleisch und Blut „reinhören“, um die Funktionsweise zu verbessern, müssen die Betroffenen vorher gefragt und um ausdrückliche Zustimmung gebeten werden.

Ein paar Zeilen Gesetz – und die Assistenten wäre keine potenziellen Wanzen mehr.

 

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