Kevin Kühnerts Twitter-Ausstieg war ein Vorbote: Der Exodus von X (ehemals Twitter) hat sich 2024/25 dramatisch beschleunigt. Neue Daten zeigen, warum immer mehr Politiker und Influencer die Plattform verlassen.
Kevin Kühnert, der ehemalige SPD-Generalsekretär, war ein Kommunikationsprofi. Als er 2022 seinen Twitter-Account auf Eis legte, wirkte das noch ungewöhnlich. „Das scheint für meine politische Arbeit nicht das richtige Medium zum Senden und Empfangen zu sein“, sagte er damals. Was wie eine Einzelentscheidung aussah, wurde zum Trendsetter: Heute, Ende 2025, verlassen täglich tausende Nutzer die Plattform, die inzwischen unter Elon Musks Führung zu „X“ umbenannt wurde.

Der große X-Exodus: Politiker wandern ab
Was bei Kühnert begann, ist heute Mainstream geworden. Nach Musks Übernahme und den drastischen Änderungen am Algorithmus, der Verifizierung und der Moderation haben sich die Nutzungsmuster fundamental verschoben. Laut dem „Digital Communication Report 2025“ haben über 40% der deutschen Politiker ihre X-Aktivitäten drastisch reduziert oder ganz eingestellt.
Stattdessen setzen sie verstärkt auf Threads (Metas Twitter-Alternative), Mastodon oder BlueSky. Diese Plattformen verzeichneten 2024 explosionsartiges Wachstum: Threads erreichte 500 Millionen aktive Nutzer, BlueSky wuchs von 3 auf über 25 Millionen Nutzer. Der Grund: Sie bieten das, was X verloren hat – konstruktive Diskussionen ohne Trollarmeen und Algorithmus-Chaos.
Der Tonfall auf X ist seit der Übernahme noch rauer geworden. Hate Speech nahm um 300% zu, wie Untersuchungen des Digital Service Coordinators zeigen. Gleichzeitig wurden Moderationsteams massiv abgebaut – ein toxischer Mix, der seriöse Akteure vertreibt.
370.000 Follower sehen auf Kevin Kühnerts Twitter Account aktuell – gar nichts
Die Blase ist geplatzt – neue Plattformen entstehen
Kühnerts damalige Kritik an der „Twitter-Blase“ hat sich als prophetisch erwiesen. X bildete nie die Gesellschaft ab, sondern war eine Echokammer für Entscheider und Multiplikatoren. Diese Konzentration verstärkte sich unter Musk noch: Algorithmus-Änderungen bevorzugen bezahlte Accounts und kontroverse Inhalte.
Das Resultat: Moderate Stimmen werden übertönt, extreme Positionen dominieren. Eine Studie der Universität Oxford zeigt, dass 2024 nur noch 12% der deutschen Bevölkerung X als vertrauenswürdige Nachrichtenquelle betrachteten – ein Rückgang von 45% gegenüber 2022.
Die Alternative? Eine fragmentierte, aber gesündere Social-Media-Landschaft:
- Threads dominiert bei Lifestyle und Business-Content
- BlueSky wird zur neuen Heimat für Journalisten und Akademiker
- Mastodon bleibt die dezentrale Option für Tech-Affine
- LinkedIn übernimmt zunehmend die Rolle als seriöse Diskussionsplattform
Diese Diversifizierung bricht die alte Machtkonzentration auf. Politiker müssen heute mehrgleisig fahren, erreichen aber authentischere Zielgruppen.
KI-Bots und Desinformation: Das X-Problem verschärft sich
Was 2022 noch „Trollfabriken“ waren, sind heute hochentwickelte KI-Systeme. Large Language Models können täuschend echte Diskussionsbeiträge generieren. X-interne Schätzungen gehen von bis zu 25% Bot-Anteil aus – Tendenz steigend.
Diese KI-Bots sind sophisticated: Sie haben Profilbilder, Biografien und interagieren scheinbar natürlich. Ihr Ziel bleibt dasselbe wie bei klassischen Trollen: Gesellschaften spalten, Desinformation streuen, demokratische Diskurse zerstören. Besonders problematisch vor Wahlen oder bei gesellschaftlichen Krisen.
Trolle stören den Diskurs auf Twitter und anderswo
Social Media Atlas 2025: Die neue Realität
Der aktuelle „Social Media Atlas“ bestätigt den Paradigmenwechsel. X verlor 2024 über 30% seiner deutschen Nutzerschaft. Gleichzeitig stiegen andere Plattformen:
- Threads: 18 Millionen deutsche Nutzer (+400% zu 2023)
- BlueSky: 4,2 Millionen deutsche Nutzer (vorher praktisch null)
- LinkedIn: 21 Millionen deutsche Nutzer (+25%)
- Instagram: Stabil bei 32 Millionen
- TikTok: Wächst weiter, besonders bei unter 30-Jährigen
Besonders interessant: Journalisten und Politiker haben ihre Gewohnheiten komplett geändert. Während sie früher primär X für Breaking News nutzten, setzen sie heute auf einen Plattform-Mix. Das macht die Informationsverteilung demokratischer, aber auch komplexer.
Die Studie zeigt auch: Nutzer schätzen wieder Qualität über Quantität. Auf BlueSky und Threads finden längere, durchdachtere Diskussionen statt. Der Drang nach Viral-Content weicht dem Wunsch nach echtem Austausch.
Was Kühnerts Entscheidung heute bedeutet
Rückblickend war Kevin Kühnerts Twitter-Ausstieg keine PR-Aktion, sondern strategisch klug. Er erkannte früh: Die Plattform schadete mehr, als sie nutzte. Statt in der toxischen Echokammer zu verharren, verlagerte er seine Kommunikation auf direktere Kanäle – Newsletter, Instagram, persönliche Auftritte.
Dieser Ansatz zahlt sich aus: Politiker, die früh auf alternative Plattformen setzten, haben heute diversere, engagiertere Communities. Sie erreichen Menschen jenseits der Berlin-Twitter-Blase und führen konstruktivere Diskussionen.
Die Lektion: Manchmal ist Weggehen die mutigste Entscheidung. Kühnert zeigte, dass Politik auch ohne die vermeintlich unverzichtbare Plattform funktioniert – sogar besser.
Zuletzt aktualisiert am 20.02.2026