Leben ohne Likes? Warum das große Social Media Experiment scheiterte

von | 15.09.2019 | Digital

Das Leben der anderen: Auf Instagram, TikTok, X (ehemals Twitter) und Co. ist es meist ganz toll. Und dafür gibt es dann viele, viele Likes, Hearts und Reactions. Aber was, wenn die Inhalte nicht mehr öffentlich geliket werden könnten? Diese Überlegung beschäftigt die sozialen Plattformen seit Jahren – mit unterschiedlichen Ansätzen und gemischten Ergebnissen.

Sind wir doch mal ehrlich: Instagram, TikTok und andere soziale Medien haben verschiedene Aufgaben – und durchaus auch Stärken. Eine ist zweifellos, dass wir mit Menschen in Kontakt treten (oder bleiben können), die weit weg sind. Auch alte Schulkameraden können sich melden, wenn sie Lust haben. Oder Menschen, die das Potenzial für echte Freundschaften haben. Kommt alles vor – macht aber nicht den Großteil der Aktivitäten bei Facebook und Co. aus. Die aller meisten Aktivitäten auf Instagram, TikTok und Co. dienen einem simpleren Zweck: Bestätigung.

Bestätigung aus dem Netzwerk

Wir alle ziehen auch Bestätigung aus den Netzwerken. Wir postem Fotos mit einem Thermometer: Oh Du Arme(r) bist krank – werde bitte schnell wieder gesund. Fotos aus dem Kurzurlaub: Oh das sieht es aber toll aus – viel Spaß im Traumanien. Oder zeigen, was gerade auf den Tisch gestellt wurde: Oh, wie lecker – guten Appetit. Und so weiter.

Bestätigung ist ein Lebenselixier – und die sozialen Netzwerke versorgen uns damit rund um die Uhr. Das funktioniert hervorragend.

Eine echte Währung ist heute daher die Zahl der Follower und Likes. Kein Wunder, dass viele sich überlegen, was sie posten. Allerdings nicht, indem sie sich fragen: Ist das relevant? Ist das informativ? Dient das einem höheren Zweck? Sondern einzig und allein: Gibt das maximal viele Klicks und Likes? Und wenn es klappt, ist die Freude riesig. Belohnung angekommen. Danke.

Facebook sollte nicht Facebook heißen, sondern Kick-Book. Oder Dopamin-Wunder.

Das große Experiment: Leben ohne öffentliche Likes

Seit 2019 experimentierten verschiedene Plattformen mit dem Verstecken von Like-Zahlen. Instagram testete monatelang, nur dem Ersteller selbst die Anzahl der Likes zu zeigen. Twitter (heute X) probierte zeitweise ähnliche Ansätze. TikTok ging einen anderen Weg und führte zusätzliche Reaktions-Emojis ein.

Die Ergebnisse waren ernüchternd: Nutzer fanden schnell Wege, ihre Popularität trotzdem zu messen – über Screenshots, Story-Mentions oder direkte Nachfragen. Gleichzeitig sanken Engagement-Raten, was wiederum Werbetreibende nervös machte. Ein Teufelskreis für plattformabhängige Geschäftsmodelle.


Abhängig von Sozialen Netzwerken: Das geht schnell (mit Maren Urner)

Neue Player, alte Probleme

Plattformen wie BeReal versuchten 2022-2024, Authentizität über spontane, ungefilterte Momente zu fördern. Das Konzept: Alle User bekommen gleichzeitig eine Benachrichtigung und haben zwei Minuten Zeit, ein ungefiltetes Foto zu posten. Keine Likes, nur echte Momente.

Doch auch hier entwickelten sich schnell neue Status-Symbole: Wer hat die coolsten spontanen Momente? Wer bekommt die meisten Kommentare? Das Belohnungssystem fand neue Wege.

TikTok ging pragmatischer vor: Statt Likes zu verstecken, optimierte die Plattform ihren Algorithmus so, dass auch Videos mit wenigen Likes viral gehen können. Das verschob den Fokus von Likes auf Views und Verweildauer.

Die Psychologie dahinter

Der Neurowissenschaftler Dr. Anna Lembke erklärt in ihrem Buch „Dopamine Nation“, warum das Verstecken von Likes allein nicht funktioniert: Unser Gehirn ist darauf programmiert, Belohnungen zu suchen. Verschwinden die Likes, suchen wir uns andere Metriken – Kommentare, Shares, Follower-Zuwachs.

Studien der Stanford University zeigten 2025, dass Jugendliche ohne sichtbare Like-Zahlen zwar weniger Stress empfanden, aber nicht weniger Zeit in sozialen Medien verbrachten. Das Problem liegt tiefer als nur bei der Anzeige von Zahlen.

Was wirklich helfen würde

Experten sind sich einig: Echte Veränderung braucht systemische Reformen. Die EU arbeitet mit dem Digital Services Act bereits an Transparenz-Verpflichtungen für Algorithmen. Norwegen diskutiert Altersverifikation für soziale Medien. Australien testete 2025 erfolgreich „Digital Detox“-Zeiten in Schulen.

Einige vielversprechende Ansätze:
– Chronologische Feeds statt algorithmischer Verstärkung
– Tägliche Nutzungslimits mit echter Durchsetzung
– Transparenz darüber, wie Algorithmen funktionieren
– Bildung über digitale Medienkompetenz bereits in Grundschulen

Ablenkungsmanöver oder echter Wandel?

Metas jüngste Ankündigung, Faktenchecker abzuschaffen und auf „Community Notes“ zu setzen, zeigt die wahren Prioritäten: Weniger Regulierung, mehr Engagement, höhere Werbeeinnahmen. Das Verstecken von Likes war tatsächlich nur ein Bauernopfer.

Wer ernsthaft daran interessiert wäre, die negativen Einflüsse zu stoppen, würde einen Katalog erstellen und die Liste nach und nach ernsthaft abarbeiten. Das kann man von gewinnorientierten Plattformen kaum verlangen. Das wäre Aufgabe der Politik, wichtige Grenzen abzustecken und Regeln aufzustellen.

Likes zu verstecken war daher wohl ein Trostpflaster – um schärfere Regulierung zu verhindern. Echte Veränderung kommt nur durch systemische Reformen, nicht durch kosmetische Korrekturen.

Die Zukunft sozialer Medien wird nicht davon abhängen, ob wir Likes sehen oder nicht. Sie hängt davon ab, ob wir als Gesellschaft bereit sind, die Macht der Algorithmen zu begrenzen und echte Alternativen zu fördern.

Zuletzt aktualisiert am 03.03.2026