Privatsphäre

Manchmal könnte man doch den Eindruck haben, es müssen unglaublich ausgebuffte Geschäftsleute gewesen sein, die das Internet erfunden haben. Als hätten sie sich gefragt: Wie können wir bequem möglichst alle Menschen auf dem Planeten erreichen, ihnen rund um die Uhr Produkte verkaufen – und damit das alles perfekt klappt, auch noch unbemerkt total gläsern machen?

Dieses Ziel ist jedenfalls längst erreicht – auch wenn das zweifellos nicht die Intention der Leute gewesen ist, die das Vor-Kommerz-Internet aufgebaut haben. Da ging es um hehre Ziele: Unis vernetzen, Informationen austauschen, das Wissen der Welt verfügbar machen.

Tracker überwachen

Der User ist das Produkt

Heute aber werden wir beobachtet, wo wir gehen, stehen, sitzen – oder uns (im Netz, aber auch sonst) bewegen. Wir wissen es. Und lassen es trotzdem einfach so geschehen. Vielleicht, weil man als einzelner sowieso nichts dagegen ausrichten kann? Vielleicht, weil wir unsere Seele verkauft haben. Der Deal: Kostenlose Dienste – dafür aber datentechnisch „nackig“ machen. Der User ist das Produkt

Das haben viele von uns akzeptiert. Aber vielleicht auch nur deswegen, weil sie keine Vorstellung davon haben, was die großen Player alles über die in Erfahrung bringen – und wie sie das machen. Bei der Nutzung von Facebook und Google weiß man natürlich: Wer die Dienste nutzt, hinterlässt eine ordentliche Datenspur.

Doch viel tückischer ist das, was sogenannte „Tracker“ über uns in Erfahrung bringen. So werden Systeme genannt, die uns weit über eine Anwendung oder eine App hinaus beobachten – und alles aufzeichnen, was relevant sein könnte. Ungefragt, in der Regel.

Tracker: Die Stasi der Werbeindustrie

Auf Webseiten bekommen wir einen Eindruck davon, dass es viele solcher Tracker geben muss. Denn ständig müssen wir Cookie-Fenster bestätigen, die immer länger und umfangreicher werden. Ein Indiz dafür, dass mit den Cookies nicht nur der Warenkorb realisiert wird – was ein guter Zweck von Cookies ist –, sondern viel mehr angestellt wird. Die sogenannten „Tracking“-Cookies sorgen dafür, dass wir überwacht und gläsern werden.

Tracker sind die Stasi die Werbeindustrie. Sie bringen früher oder später alles über uns in Erfahrung.

Besonders schwierig ist es bei Apps. Da gibt es keine Cookie-Fenster – aber trotzdem jede Menge Tracker. Laut aktuellen Studien befinden sich im Schnitt(!) in jeder App sechs verschiedene Tracker. Sechs! Fachleute haben jüngst 450 Android-Apps untersucht. Und in allen 450 Apps wurden die Ortungsdaten abgegriffen. In allen 450. Nicht, dass die Apps diese Daten auch nur ansatzweise benötigten.

Cookies

Data Broker sammeln in unvorstellbarem Ausmaß

Sie werden trotzdem abgegriffen – und an Data Broker geschickt. Meist Werbenetzwerke (Google, Facebook, Amazom), die alle Daten gebrauchen können. Denn je mehr Daten, desto präziser das Profil jedes einzelnen. Desto passgenauere Werbung lässt sich präsentieren. Desto mehr Umsatz. Und nur darum geht es schließlich im Netz, oder?

Apple stört die Ausschlachtung der Nutzerdaten zunehmend. Apple hat nicht nur den Safari-Browser so programmiert, dass übereifrige Tracker gestört oder blockiert werden, sondern gerade erst auch eine Initiative angekündigt, die Trackern ganz klar den Kampf ansagt.

Schon bald sollen MacOS und iOS so programmiert sein, dass Nutzern jede Abfrage von Daten angekündigt wird – und eine Freigabe erfolgen muss. Dann kann die Foto-App nicht mehr einfach auf alle Fotos in der Bibliothek zugreifen, um die Standortdaten auszulesen. Oder unbemerkt auf Adressbücher zugreifen oder andere Daten vereinnahmen.

Apple startet Initiative gegen Tracker

iPhones und Macs zeigen den Nutzern dann auf Wunsch jederzeit an, welche Tracker im Gerät aktiv sind – und in welchen Apps und Anwendungen genau. Es wird dann ein Leichtes sein, einzelne oder alle Tracker zu deaktivieren. Das bedeutet Transparenz und Kontrolle. Richtig so, Apple!

Das macht die Schnüffelsysteme also potenziell blind.

Facebook stört sich enorm an der Ankündigung und zieht regelrecht in den Krieg gegen Apple. Facebook hat bereits eine PR-Kampagne gestartet, weil Mark Zuckerbergs Unternehmen seine Felle davon schwimmen sieht. Denn natürlich wird es durch Apples Intervention in Zukunft deutlich schwieriger, die Nutzerinnen und Nutzer ungeniert auszuspionieren, wenn die das plötzlich merken – und zustimmen müssen.

Um beim Bild zu bleiben: Es macht einen Unterschied, ob man generell weiß, dass man bespitzelt wird – oder ob man weiß, dass auch der Nachbar spitzelt.

Es kommt also mächtig Bewegung in die Sache.

Facebook macht Kampagne gegen Datenschutz

Richtige Richtung: Mehr Transparenz, mehr Kontrolle

Aber warum macht Apple das? Bislang scheint es doch ein unsichtbares Band zwischen allen Silicon-Valley-Konzernen zu geben, das niemand zerschneidet. Alle unterwerfen sich demselben Mantra: Es ist gut, so zu tun, als ob unsere Dienste kostenlos sind. Es ist gut, die Daten und Privatsphäre unserer Nutzer auszuschlachten. Es ist vollkommen in Ordnung, das wir das verdeckt tun und uns damit gesund stoßen.

Apple schert da aus. Aber Apple kann es sich auch leisten. Da Apple nicht davon lebt, Nutzerdaten auszuwerten. Apple kann bei Menschen, denen ihre Privatsphäre nicht völlig schnuppe ist, nun punkten: Seht hier, wie kümmern uns um Datenschutz und Privatsphäre.

Sehr löblich. In diese Richtung sollte es generell gehen. Eigentlich wäre es längst überfällig gewesen, dass die EU solche Regeln einführt und Transparenz und Kontrolle vorschreibt. Zwar sind erste Ansätze in der Politik erkennbar, aber es geht nicht schnell genug. Jetzt plötzlich regelt es der Markt.

Auch Google verspricht weniger Tracker

Selbst Google sieht sich gezwungen, zu reagieren. Nach Apples Vorstoß hat auch Google angekündigt, ähnliche – wenn auch nicht mal ansatzweise so weitgehende – Maßnahmen in Android vorzusehen. Klar: Google schneidet sich ins eigene Fleisch, wenn Tracker abgeschaltet werden. Google lebt von Werbeeinnahmen – und möchte sicher nicht, dass sich das ändert. Doch Facebook trifft es am härtesten. Denn Facebook ist der Weltmeister im Ausschlachten von Nutzerdaten.

Aber bleiben wir realistisch: Tracker und die damit verbundene Industrie dahinter, die Daten sammelt, zusammenführt, bewertet und ausschlachtet hat nur dann ein Ende zu befürchten, wenn wir akzeptieren, dass Dinge Geld kosten. Wenn wir bereit wären, für mehr Apps Geld zu bezahlen – anstatt uns Werbung gefallen zu lassen oder Tracking zu akzeptieren.