Kriegsbilder auf TikTok

Über WarTok und Warfluencer

Die Sozialen Medien sind in diesem Ukraine-Krieg ein Phänomen: Sie erlauben den Ukrainern mit der Welt zu kommunizieren. Das macht die Kriegsereignisse greifbarer – und schneller verfügbar.

Der Krieg in der Ukraine – er spielt auch in den Sozialen Netzwerken eine große Rolle. Darüber haben wir hier verschiedentlich schon gesprochen. Heute wollen wir aber mal etwas genauer hinschauen, welche Rolle genau zum Beispiel TikTok, Instagram und andere Dienste spielen können. Ausnahmsweise sind es mal eher positive, erfreuliche Nachrichten. Die Netzwerke übernehmen eine wertvolle Aufgabe: Sie informieren die Welt, was in der Ukraine los ist. Einige Menschen machen das besonders intensiv – sie werden sogar als „WarFluencer“ bezeichnet.

Soziale Medien sehr wertvoll

Die Plattformen fungieren in diesem Krieg wie ein Bindeglied zwischen den Menschen in der Ukraine – und dem Rest der westlich geprägten Welt. In Russland sind die meisten Sozialen Medien ja aktuell verboten und/oder abgeschaltet. Soldaten und Menschen in der Ukraine nutzen Instagram, Tiktok, Twitter und Co., um mit uns zu kommunizieren. Sie zeigen den Kriegsalltag. Richten Appelle an die Menschen. Das ist umso wichtiger, weil normale Berichterstattung von Zeitungen und Sendern im Krieg ja meist nicht möglich sind.

So viele Eindrucke aus einem Krieg hat die Welt wohl noch nie bekommen – und das fast live, und nicht erst Wochen oder Monate später. Spätestens seit dem Vietnam-Krieg wissen wir, welche Macht Bilder aus einem Krieg haben können. Soldaten der Ukraine zeigen, wie sie kämpfen. Teilweise auch, um Propaganda zu verbreiten: Seht her, wir haben hier ein russisches Flugzeug abgeschossen.

Aber vor allem menschliche Szenen. Auch Soldaten haben Momente, in denen sie rumalbern. Müde sind. Mit Tieren kuscheln. Noch eindrucksvoller ist das, was die Menschen aus der Ukraine posten – vor allem auf TikTok. Es gibt aktuell derart viele Inhalte über den Krieg in der Ukraine auf TikTok, dass TikTok schon WarTok genannt wird.

Aus TikTok wird WarTok

TikTok hat seinen Schwerpunkt verändert. Überraschend, weil TikTok ja eigentlich als reine Spaß-Plattform wahrgenommen wird, völlig unpolitisch.

Das Spektrum ist wirklich groß: Berichte vom Gefecht, aber auch Eindrücke aus dem Kriegsalltag. Ein schönes Beispiel ist Alina Volik. Eine junge Ukrainerin, kein TikTok-Star, die auf ihrem Kanal normalerweise ihren Alltag zeigt – und Eindrücke aus dem Urlaub. Doch seit Kriegsbeginn zeigt sie dort den Alltag in der Ukraine: Wach werden mit Sirenengeheul, ab in den Keller, und wieder herauf.

Den Notfall-Rucksack packen und bestücken. Einkaufen, wenn die Regale voll sind. Das macht sie überaus charmant. „Dieses Treppenhaus ist meine Gym“, schreibt sie – und erklärt, dass sie mehrmals am Tag rauf und runter läuft. TikTok sei ihr Entertainment-Programm. Und Zelenskyi ihr Therapeut. Einzelne Videos von Alina wurden schon weit über eine Million Mal angeschaut. Eine ganz normale junge Frau, die äußerst menschlich berichtet – und so Nähe schafft. Weil es kein Draufschauen ist, keine Propaganda, keine schlimmen Gefechtsszenen.

Bedrückende Berichte aus dem Kriegsalltag
Bedrückende Berichte aus dem Kriegsalltag auf TikTok

Wie „Warfluencer“ die Wahrnehmung prägen

Aber es sind keineswegs nur Menschen vor Ort, die in den Sozialen Medien Inhalte posten. Auch auf dem Instagram-Kanal von David Beckham gab es Bilder aus der Ukraine zu sehen.

Beckham ist auch Botschafter der Unicef – setzt sich also für Kinder ein. In dieser Funktion hat der prominente Fußballer seinen Instagram-Account für einen Tag einer ukrainischen Ärztin überlassen, die Chefin der Geburtsklinik von Charkiw ist. Das ist wirklich ein interessanter Move: Die Ärztin aus der Ukraine durfte einen Tag lang auf dem Insta-Kanal von Beckham das sagen und zeigen, was sie für wichtig hält. Darüber sollte man nicht schmunzeln, denn Beckham hat 70 Millionen Follower auf Instagram.

Welche Fernsehsendung könnte das von sich sagen? Die Ärztin konnte also unmittelbar 70 Millionen Menschen in der ganzen Welt erreichen – und mehr, denn natürlich wurden die Posts der Ärztin auf Beckhams Kanals auch weitergereicht. Die Reichweite war also noch entschieden größer. Die Ärztin hat ihre Chance auf jeden Fall genutzt und auf dem Kanal von Beckham über ihren Kriegsalltag berichtet – und vor allem auch über die Not, die an der Klinik herrscht. Auf diese Weise wird blitzschnell Nähe hergestellt, da wo man es überhaupt nicht erwarten würde.

David Beckham hat seinen Insta-Kanal zur Verfügung gestellt
David Beckham hat seinen Insta-Kanal zur Verfügung gestellt

Wie „Warfluencer“ die Wahrnehmung prägen

Es geistert schon der Begriff „WarFluencer“ herum, den der Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo jetzt geprägt hat.

Stellt sich die Frage: Kann jeder zum WarFluencer werden – und/oder ab wann ist man einer?

Das ist eigentlich ein passender Begriff. Denn in der Tat sehen wir gerade ein interessantes Phänomen: Putin versucht mit aller Macht, die Kontrolle und Deutungshoheit über den Krieg zu behalten. Das gelingt ihm aber nur, indem die Meinungsfreiheit beschnitten und Medien verboten oder gesperrt werden. Die Ukrainer hingegen nutzen die Sozialen Medien, die Stärken der Sozialen Medien, und informieren die Welt, kommunizieren mit der Welt.

Das muss man im Einzelfall sicher auch kritisch hinterfragen, aber auf jeden Fall verändert die Bilderflut aus der Ukraine die Wahrnehmung, wie die Krieg verläuft, welches Leid er anrichtet. Die Inhalte fließen ja natürlich auch in die regulären Medien ein. Und damit: Ja, Personen wie Alina sind WarFluencer – im besten Sinn. Aber mehr als das: Anders als viele Influencer, die sich regelrecht prostituieren und für Geld alles machen, bekommen diese WarFluencer ja kein Geld. Sie machen es, weil sie es wollen oder können.

Und natürlich hat auch eine Aktion wie die von David Beckham einen enormen Einfluss – weil Bilder aus der Ukraine auch in den Timelines von Beckham-Fans auftauchen, die sich womöglich sonst nicht für das Thema interessieren. Auch ihn könnte man also als WarFluencer bezeichnen. Es ist eindeutig so, dass Zeitungen, Radio und Fernsehen nicht mehr die einzigen Medien sind, in denen man sich über den Krieg informieren kann.

 

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