Darknet: Gute Seiten, schlechte Seiten

von | 11.03.2019 | Internet

Die meisten kennen „Darknet“ nur aus den Nachrichten: Vor allem, wenn es um illegale Dinge geht. Tatsächlich sind viele Bereiche im Darknet bedenklich bis höchst kriminell. Aber nicht alle. Das Darknet bietet auch nützliche Funktionen an – etwa für Journalisten, Aktivisten und Whistleblower.

Es lässt sich schwer leugnen: Im Darknet gibt es eine Menge krimineller Machenschaften. Das liegt aber nicht etwa daran, dass das Darknet für Kriminelle erfunden wurde, sondern dass sie sich hier sehr wohl fühlen. Ein deutlich erhöhtes Maß an Anonymität, ein hoher Grad an Verschlüsselung von Kommunikation und Daten sowie durch Passwort oder Empfehlung abgesicherte Zugänge sorgen dafür, dass Kriminalität noch schwieriger als im Internet ohnehin schon zu bekämpfen ist. Wirklich nicht einfach für Kriminalbeamte, hier aktiv zu werden. Eine besorgniserregende Entwicklung.

Das Darknet genießt einen schlechten Ruf

Das Darknet hat einen schlechten Ruf. Keineswegs zu Unrecht, denn Studien von 2025 zeigen, dass weiterhin etwa 60 Prozent der Inhalte im Darknet „dark“ sind – also nicht das, was sich eine gesunde Gesellschaft in öffentlich zugänglich Bereichen wünschen kann. Und die anderen 40 Prozent?

Das sind Angebote, die vor allem deshalb im Darknet liegen, damit sie anonym genutzt werden können. So ist zum Beispiel die New York Times unter einer sogenannten .onion-Adresse zu erreichen, die sich nur über den Tor-Browser – einem Netzwerk zur Anonymisierung von Verbindungsdaten – öffnen lässt. Das komplette Angebot – anonym nutzbar.

Das hat seinen Sinn. Denn es gibt Länder, in denen bestimmte Angebote nicht angesurft werden können oder dürfen. Genau hier kann das Darknet helfen, Informationen zugänglich zu machen. Mittlerweile haben auch andere renommierte Medien wie die BBC, The Guardian und sogar Facebook eigene Onion-Services eingerichtet.

Daniel Mossbrucker von „Reporter ohne Grenzen“ bestätigt mir in einem Gespräch (siehe Video), wie wichtig das Darknet für viele Journalisten sein kann. Vor allem, wenn sie in streng kontrollierten Ländern arbeiten. Oder in Regimen. Etwa, um sensible Daten und Informationen außer Landes zu schaffen.

Whistleblower sind auf das Darknet angewiesen

Auch für Whistleblower ist das Darknet eine wichtige Einrichtung. Denn hier können sie sensible Informationen nicht nur verschlüsselt übertragen, sondern eben auch anonym unterwegs sein. Sie sind auf diese Weise deutlich besser geschützt – und so vielleicht überhaupt erst zu motivieren, Informationen preiszugeben, die für die Öffentlichkeit wichtig sein können. Als Whistleblower lebt man bekanntlich gefährlich. Das Darknet kann eine Art Versicherung darstellen.

Plattformen wie SecureDrop, die von der Freedom of the Press Foundation entwickelt wurde, nutzen das Tor-Netzwerk, um sichere Kommunikation zwischen Journalisten und Quellen zu ermöglichen. Über 80 Nachrichtenorganisationen weltweit nutzen mittlerweile solche sicheren Drop-Systeme.

Neue Entwicklungen und Herausforderungen

In den letzten Jahren hat sich die Darknet-Landschaft deutlich verändert. Während Strafverfolgungsbehörden immer erfolgreicher gegen kriminelle Marktplätze vorgehen – wie zuletzt bei der Zerschlagung mehrerer großer Drogenmarktplätze 2024 und 2025 – wachsen gleichzeitig die legitimen Anwendungen.

Besonders in autoritären Regimen wie China, Iran oder Myanmar nutzen Aktivisten und Journalisten verstärkt Darknet-Tools. Die Proteste im Iran 2023/2024 zeigten eindrucksvoll, wie wichtig verschlüsselte und anonyme Kommunikationskanäle sein können, wenn Regierungen das Internet zensieren oder komplett abschalten.

Auch Unternehmen entdecken das Darknet für sich: Cybersecurity-Firmen überwachen systematisch Darknet-Foren, um frühzeitig vor Datenlecks oder geplanten Angriffen zu warnen. Diese „Threat Intelligence“ ist zu einem wichtigen Geschäftszweig geworden.

Technische Weiterentwicklungen

Das Tor-Netzwerk, das Rückgrat des Darknets, wurde in den letzten Jahren erheblich verbessert. Die Geschwindigkeit hat sich durch neue Relay-Technologien deutlich erhöht, während die Sicherheit durch verbesserte Verschlüsselung gestärkt wurde. Gleichzeitig arbeiten Entwickler an benutzerfreundlicheren Lösungen, um legitimen Nutzern den Zugang zu erleichtern.

Allerdings entstehen auch neue Risiken: Künstliche Intelligenz hilft Kriminellen dabei, gefälschte Identitäten zu erstellen oder Betrugsmaschen zu verfeinern. Gleichzeitig nutzen aber auch Strafverfolger KI-Tools, um kriminelle Aktivitäten aufzuspüren.

Die Zukunft des Darknets

Der Wunsch, die wirklich dunklen Ecken mit kriminellen Inhalten loszuwerden, ist mehr als verständlich. Es ist beschämend, dass es so etwas gibt – und erschwert den Behörden die Fahndung. Etwa, um Täterinnen und Täter im Bereich der Kinderpornografie dingfest zu machen. Nur sollte man eben bedenken, dass das Darknet durchaus auch seine sinnvollen und nützlichen Seiten hat.

Die Diskussion über das Darknet wird sich in den kommenden Jahren intensivieren. Während Politiker strengere Regulierung fordern, warnen Bürgerrechtler vor den Gefahren für die Meinungsfreiheit. Ein komplettes Verbot wäre technisch ohnehin kaum umsetzbar und würde vor allem legitime Nutzer treffen.

Die Lösung liegt vermutlich in einer differenzierten Herangehensweise: Konsequente Strafverfolgung bei kriminellen Inhalten, aber Schutz der anonymen Kommunikation für Journalisten, Aktivisten und alle, die in repressiven Systemen leben. Das Darknet ist ein Werkzeug – und wie bei jedem Werkzeug kommt es darauf an, wer es wie nutzt.

Zuletzt aktualisiert am 05.03.2026