EU-Regulierung: Warum Apple und Meta ihre KI weiter blockieren

von | 28.06.2024 | KI

Apple und Meta wollen ihre fortschrittlichen KI-Modelle weiterhin nicht in der EU ausrollen – angeblich seien die juristischen Risiken aufgrund der europäischen Regulierung zu hoch. Doch inzwischen zeigt sich: Das Problem ist komplexer als ursprünglich gedacht.

KI dominiert die Digitalbranche seit ChatGPT das Tempo dramatisch beschleunigte. Auch 2026 entwickeln sich die Modelle rasant weiter – allerdings hauptsächlich in den USA und Asien, nicht in Europa. Europa hat als erster Kontinent mit dem AI Act eine umfassende KI-Regulierung geschaffen, die das Entwicklungstempo bremst.

Inzwischen haben sich Apple, Meta, Google und andere Konzerne teilweise aus Europa zurückgezogen oder bieten nur stark eingeschränkte Versionen ihrer KI-Services an. Die Begründung bleibt dieselbe: rechtliche Unsicherheit. Doch ist das wirklich gerechtfertigt?

Tech-Giganten meiden EU-Markt komplett

Apple Intelligence ist mittlerweile in über 20 Ländern verfügbar – aber nicht in der EU. Meta AI läuft erfolgreich in den USA, Kanada und Australien, während europäische Nutzer in die Röhre schauen. Selbst Googles neueste Gemini-Features bleiben europäischen Nutzern oft monatelang vorenthalten.

Die Konzerne argumentieren weiterhin mit rechtlicher Unsicherheit. Im Fall von Apple geht es nicht nur um KI, sondern auch um iPhone-Mac-Integration und andere Interoperabilitäts-Features. Der Grund: Der Digital Markets Act verbietet es Gatekeepern, eigene Produkte zu bevorzugen. Wenn Apple also ausschließlich eigene KI-Services integriert, drohen Milliardenbußen.

Aber auch der AI Act spielt eine entscheidende Rolle. Die Klassifizierung von KI-Systemen in Risikoklassen und die damit verbundenen Compliance-Anforderungen sind komplex und teuer. Besonders problematisch: Die Definitionen sind teilweise so unscharf, dass selbst Rechtsexperten unterschiedlich interpretieren.

Datensammlung wird zum Hauptproblem

Meta hatte ursprünglich geplant, europäische Facebook- und Instagram-Daten für das Training ihrer KI zu nutzen. Nach massiven Protesten und rechtlichen Bedenken wurde das Projekt gestoppt. In den USA sammelt Meta weiterhin unbeschränkt Trainingsdaten.

Das Problem: Moderne KI-Modelle brauchen riesige Datenmengen. OpenAI, Anthropic und andere US-Anbieter haben Zugang zu praktisch unbegrenzten Datenquellen. Europäische Alternativen wie Mistral oder Aleph Alpha können da kaum mithalten.

Die DSGVO macht die Sache noch komplizierter. Wenn ihr einer Datennutzung zustimmt und ich nicht, was passiert mit einem Kommentar von euch unter meinem Post? Solche Grauzonen schaffen rechtliche Unsicherheiten, die Konzerne scheuen.

Meta argumentiert: Eine europäische KI wäre zwangsläufig schlechter, weil sie mit weniger und schlechteren Daten trainiert wurde. Das Argument ist nicht falsch – aber auch nicht vollständig.

Machtspiel oder berechtigte Sorgen?

Sind die Beschwerden der Tech-Giganten berechtigt oder nur strategisches Theater? Definitiv beides.

Die möglichen Strafen sind tatsächlich abschreckend. Der DMA sieht Bußgelder von bis zu 10% des weltweiten Jahresumsatzes vor – bei Apple wären das über 40 Milliarden Euro. Selbst für Techkonzerne ist das existenzbedrohend.

Gleichzeitig pokern die Unternehmen natürlich. Apple hat jahrelang behauptet, USB-C würde Innovation verhindern – und dann problemlos umgestellt. Die öffentlichen Beschwerden sind auch Lobbyarbeit, um die EU-Kommission zu Kompromissen zu bewegen.

Interessant: Während die großen US-Konzerne Europa meiden, entstehen hier innovative KI-Startups. Unternehmen wie Stability AI, DeepL oder Synthesia zeigen, dass auch unter europäischen Regeln Spitzeninnovation möglich ist.

Europa zwischen Innovation und Schutz

Sind die europäischen Regeln zu streng? Diese Frage spaltet selbst Experte. Der Digitalpublizist Sascha Lobo kritisierte bereits 2024 eine „strukturell anti-fortschrittliche Haltung“ in Europa. Zwei Jahre später ist das Dilemma noch deutlicher geworden.

Die USA haben die innovativste KI der Welt, China die effizienteste (ohne Rücksicht auf Datenschutz), Europa die regulierteste. Das Ergebnis: Amerikanische und chinesische Unternehmen dominieren den globalen KI-Markt, während europäische Nutzer oft außen vor bleiben.

Gleichzeitig zeigt die DSGVO das Dilemma europäischer Regulierung: Die großen Konzerne umgehen den Datenschutz weiterhin geschickt, während kleine Unternehmen und Vereine unter bürokratischen Lasten ächzen. Ärzte müssen Formulare für Newsletter unterschreiben lassen, Kindergärten haben Angst vor WhatsApp-Gruppen.

Ausblick: Pragmatismus gefragt

Europa steht vor einer wichtigen Entscheidung: Entweder lockern wir die Regeln und riskieren weniger Schutz für Nutzer, oder wir akzeptieren, dass wir bei KI-Innovation abgehängt werden.

Ein Mittelweg könnte regulatory sandboxes sein – geschützte Räume, in denen Unternehmen neue Technologien unter gelockerten Bedingungen testen können. Singapur und die Schweiz machen das bereits erfolgreich vor.

Auch die Definition von Risiko-KI sollte geschärft werden. Ein Chatbot für Wetterinformationen braucht nicht dieselben Auflagen wie ein autonomes Waffensystem.

Die Ironie: Europa wollte mit seinen Regeln Vorreiter werden und die Welt zur Nachahmung inspirieren. Stattdessen isolieren wir uns selbst und schauen zu, wie andere die Zukunft gestalten. Manchmal ist weniger wirklich mehr.

Zuletzt aktualisiert am 16.02.2026