Die digitale Transformation der öffentlichen Verwaltung schreitet voran – aber viel zu langsam und mit zu wenig Weitsicht. Während die Corona-App von 2020 inzwischen Geschichte ist, zeigen aktuelle Projekte wie die digitale Identität (eID), Luca-App-Nachfolger oder die Bildungsplattformen der Länder immer wieder dasselbe Problem: Geschlossene Systeme, teure Eigenentwicklungen und mangelnde Transparenz. Dabei könnte Deutschland mit konsequentem OpenSource-Einsatz Vorreiter werden.
Die Lehren aus der Corona-Zeit sind eindeutig: Transparenz schafft Vertrauen, OpenSource spart Zeit und Geld. Doch vier Jahre später erleben wir dieselben Fehler in neuen Gewändern. Die aktuelle Diskussion um die Digitalisierung der Schulen, die Einführung der digitalen Identität oder Gesundheits-Apps zeigt: Deutschland hinkt bei modernen IT-Konzepten weiterhin hinterher.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte damals Details über die geplante Corona-App verraten: Sie sollte das dezentrale Modell anwenden und von Telekom und SAP entwickelt werden. Helmholtz Zentrum, BSI und Fraunhofer Gesellschaft begleiteten das Projekt – und am Ende sollte der Programmcode veröffentlicht werden.
Das war wichtig, damit Experten einen kritischen Blick in die Programmierung werfen konnten. Nur so ließ sich beurteilen, ob die App sorgsam mit den Daten umgeht und vertrauenswürdig ist. Gut, dass der Programmcode von Telekom und SAP am Ende öffentlich gemacht wurde.

OpenSource bietet reichlich Vorteile – heute mehr denn je
Heute zeigt sich: Die damaligen Forderungen waren berechtigt. Aktuelle Beispiele wie die französische StopCovid-Nachfolge TousAntiCovid oder Estlands digitale Staatsdienste beweisen, wie effektiv OpenSource-Ansätze funktionieren können. „OpenSource first“ sollte der Standard für alle staatlich finanzierten IT-Projekte sein, fordert auch der aktuelle Koalitionsvertrag – doch die Umsetzung lässt auf sich warten.
Wenn Experten von Anfang an den Quellcode einsehen und beurteilen können, lassen sich schon während der Entwicklung Schwachstellen identifizieren und Probleme beseitigen. Nicht erst, wenn die Anwendung „fertig“ ist. Das spart Zeit, Geld und schafft von Beginn an Vertrauen.
Aktuell sehen wir das Problem bei der Einführung der digitalen Identität: Verschiedene Anbieter entwickeln proprietäre Lösungen, die später nur schwer zusammenarbeiten können. Ein OpenSource-Ansatz von Beginn an würde Interoperabilität garantieren und Vendor-Lock-in verhindern.
Internationale Vorbilder zeigen den Weg
Österreich hatte das mit seiner Stopp-Corona-App bereits 2020 richtig gemacht. Der Quellcode war von Anfang an für alle einsehbar. Angesehene Datenschützer wie Max Schrems waren eingebunden. Das Entwicklerteam erklärte in öffentlichen Sitzungen die Funktionsweise und beantwortete Fragen. Alles transparent – und am Ende schneller fertig, datensicher und vertrauenswürdig.
Heute geht Estland noch weiter: Das gesamte digitale Ökosystem des Landes basiert auf OpenSource-Prinzipien. Von der digitalen Identität über E-Voting bis hin zu Behördengängen – alles ist transparent, effizient und kostet einen Bruchteil vergleichbarer deutscher Lösungen.
Frankreich hat 2021 eine „OpenSource-first“-Politik eingeführt. Neue staatliche IT-Projekte müssen begründen, warum sie nicht auf OpenSource setzen. Das Ergebnis: Millioneneinsparungen und bessere Interoperabilität zwischen Behörden.
Bildung: Der Schlüssel zur digitalen Zukunft
Besonders in der Bildung zeigt sich das Potenzial von OpenSource. Statt jedes Bundesland eigene, teure Lernplattformen entwickeln zu lassen, könnten Open Educational Resources (OER) die Lösung sein. Texte, Lerneinheiten, interaktive Inhalte, VR-Anwendungen oder KI-gestützte Lernsysteme landen in einer gemeinsamen Plattform.
Die Corona-Zeit hat gezeigt: Geschlossene Systeme wie die verschiedenen Landeslösungen (Logineo NRW, itslearning, Moodle-Varianten) funktionieren nicht gut zusammen. Lehrkräfte, die zwischen Bundesländern wechseln, müssen sich jedes Mal neu einarbeiten. Schüler können bei Umzügen ihre digitalen Lernfortschritte nicht mitnehmen.
OpenSource-Bildungsplattformen wie die französische „Éducation nationale“ oder Finnlands „Otava“ zeigen, wie es geht: Einmal entwickelt, von allen nutzbar, ständig weiterentwickelt durch die Community. Deutschland könnte hier Vorreiter werden, statt Nachzügler zu bleiben.
KI und OpenSource: Die Zukunft gestalten
2024 hat sich gezeigt: Die wichtigsten KI-Innovationen kommen aus der OpenSource-Community. Modelle wie Llama, Mistral oder die deutschen Aleph-Alpha-Entwicklungen beweisen, dass OpenSource auch bei Zukunftstechnologien konkurrenzfähig ist.
Für staatliche KI-Anwendungen – von automatisierter Antragsbearbeitung bis hin zu intelligenten Verkehrssystemen – sollte OpenSource Standard sein. Nur so bleibt die digitale Souveränität gewahrt und demokratische Kontrolle möglich.
Konstantin von Notz im Interview: Der Grünen-Politiker forderte bereits 2020 mehr OpenSource-Gedanken – heute aktueller denn je
Die Zeit ist reif für einen Paradigmenwechsel. „Public Money, Public Code“ ist nicht nur ein Slogan, sondern eine Notwendigkeit für eine zukunftsfähige digitale Verwaltung. Andere Länder machen es vor – Deutschland sollte endlich folgen.
Zuletzt aktualisiert am 01.03.2026
