Das Milliarden-Wettrennen um KI-Agenten: Warum alle Tech-Konzerne gerade durchdrehen

von | 28.02.2026 | KI

KI-Agenten – also Programme, die eigenständig Aufgaben erledigen statt nur Fragen zu beantworten – gibt es schon länger. Doch was in den letzten Tagen passiert ist, hat eine völlig neue Qualität: OpenAI, Meta und Anthropic haben praktisch gleichzeitig Milliarden in diese Technologie gesteckt. Was steckt dahinter, was können die neuen Agenten – und was bedeutet das für euch?

Von der Antwortmaschine zum digitalen Assistenten

Wer heute ChatGPT, Claude oder Gemini benutzt, kennt das Prinzip: Man tippt eine Frage ein, bekommt eine Antwort. Dann tippt man die nächste Frage. Die KI wartet brav, bis sie gefragt wird. Das ist beeindruckend, keine Frage – aber im Kern ist es ein Ping-Pong-Spiel.

KI-Agenten funktionieren fundamental anders. Sie warten nicht auf die nächste Frage. Sie bekommen eine Aufgabe – und erledigen sie. Eigenständig, Schritt für Schritt, über mehrere Tools und Webseiten hinweg.

Ein Beispiel: Ihr sagt dem Agenten „Finde den günstigsten Flug nach Lissabon im Mai, buche ihn, schick mir die Bestätigung per Mail und trag den Termin im Kalender ein.“ Und er macht genau das. Er öffnet einen Browser, vergleicht Flugportale, klickt sich durch Buchungsformulare, verschickt die E-Mail und aktualisiert euren Kalender. Alles ohne euer Zutun.

Der Unterschied zum Chatbot? Der Chatbot ist ein Berater, der Tipps gibt. Der Agent ist ein Assistent, der die Arbeit tatsächlich erledigt.

Übersicht über KI-Agenten-Funktionen und -Dienste

Was in den letzten Tagen passiert ist

Das Konzept ist nicht neu. Aber der Drive, den es gerade aufnimmt, ist atemberaubend. Innerhalb weniger Tage haben die drei größten KI-Unternehmen massiv aufgerüstet – und zwar nicht mit Ankündigungen, sondern mit Milliarden-Investments und konkreten Produkten.

OpenAI: Vom Chatbot zum Handelnden

OpenAI hat gleich doppelt zugeschlagen. Mitte Februar hat das Unternehmen den österreichischen Entwickler Peter Steinberger eingestellt – den Erfinder von „OpenClaw“, einem KI-Agenten, der innerhalb weniger Wochen viral ging. Das Besondere an OpenClaw: Er funktioniert über WhatsApp und Telegram. Man schickt eine Nachricht, und der Agent organisiert den Alltag – Kalender verwalten, Flüge buchen, E-Mails sortieren. Steinberger hat das als Einzelkämpfer gebaut. Sein Projekt erreichte fast 200.000 Sterne auf GitHub – ein Zeichen dafür, wie riesig der Hunger nach solchen Tools ist.

Sam Altman, der Chef von OpenAI, nannte Steinberger ein „Genie“ und kündigte an, dass er bei OpenAI „die nächste Generation persönlicher Agenten“ entwickeln soll.

Parallel hat OpenAI seinen früheren „Operator“ zum vollintegrierten „ChatGPT Agent“ weiterentwickelt. Der ist jetzt direkt in ChatGPT eingebaut: Man wählt im Eingabefeld den „Agent Mode“ aus, beschreibt eine Aufgabe – und die KI öffnet einen eigenen Browser, um sie zu erledigen. Allerdings: Das funktioniert nur in den Bezahlmodellen (ab 20 Dollar pro Monat, also dem Plus-Abo). Im kostenlosen Plan ist der Agent Mode nicht verfügbar. Und in der EU gibt es noch Einschränkungen.

Moderne Grafik mit Computer und Blumenhintergrund.

Meta: Zwei Milliarden Dollar für einen Agenten

Meta – der Konzern hinter Facebook, Instagram und WhatsApp – hat Ende 2025 das Startup Manus für über zwei Milliarden Dollar gekauft. Manus ist einer der am weitesten entwickelten KI-Agenten weltweit. Die Plattform kann eigenständig recherchieren, Daten aus verschiedenen Quellen zusammentragen, Analysen erstellen und mehrstufige Aufgaben abarbeiten.

Die Zahlen sind beeindruckend: Manus hat nach eigenen Angaben bereits über 80 Millionen virtuelle Computer gestartet, um Aufgaben für Nutzer abzuarbeiten. Das Unternehmen erreichte 100 Millionen Dollar Jahresumsatz in nur acht Monaten nach dem Launch – laut eigener Aussage ein Rekord.

Meta will die Manus-Technologie in seine Plattformen integrieren. Das heißt: Potenziell könnten Milliarden von WhatsApp-, Instagram- und Facebook-Nutzern Zugang zu einem KI-Agenten bekommen. Das ist eine andere Hausnummer als ein Nischenprodukt für Tech-Enthusiasten.

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Anthropic: Agenten für die Arbeitswelt

Und dann ist da noch Anthropic, die Macher von Claude. Am 24. Februar hat das Unternehmen sein bisher umfassendstes Enterprise-Programm vorgestellt. Unter dem Namen „Claude Cowork“ können Unternehmen jetzt KI-Agenten einsetzen, die eigenständig Finanzanalysen erstellen, Verträge prüfen, Bewerbungsprozesse organisieren oder HR-Aufgaben abwickeln. Das Ganze läuft über Plug-ins – spezialisierte Agenten für verschiedene Abteilungen.

Gleichzeitig hat Anthropic das Startup Vercept übernommen, das darauf spezialisiert ist, KI Computerbildschirme „sehen“ und bedienen zu lassen. Die KI kann also nicht nur Text verarbeiten, sondern tatsächlich Buttons klicken, Formulare ausfüllen und durch Menüs navigieren – wie ein Mensch, der vor dem Rechner sitzt.

Was ihr heute schon ausprobieren könnt

Das Spannende: Ein Teil dieser Technologie ist bereits nutzbar. Hier ein Überblick, was heute schon geht:

ChatGPT Agent Mode: Direkt in ChatGPT verfügbar für zahlende Nutzer (Plus-Abo ab 20 Dollar/Monat). Ihr klickt auf das Plus-Zeichen im Eingabefeld, wählt „Agent mode“ – und könnt der KI Aufgaben geben wie „Recherchiere die besten Hotels in Barcelona für unter 150 Euro pro Nacht“ oder „Erstelle eine Präsentation aus diesen Daten“. Die KI öffnet einen eigenen Browser und arbeitet die Aufgabe ab. In der EU gibt es allerdings noch funktionale Einschränkungen.

Manus: Über manus.im nutzbar. Kann erstaunlich komplexe Aufgaben bewältigen – eine komplette Marktanalyse erstellen, ein illustriertes Dokument generieren oder Daten aus verschiedenen Quellen zusammentragen und visualisieren. Manus startet dafür virtuelle Computer, auf denen die KI eigenständig arbeitet.

Perplexity: Der KI-Suchdienst hat ebenfalls Agenten-Fähigkeiten ausgebaut. Ihr könnt ihm zum Beispiel sagen: „Recherchiere die Ergebnisse aller Bundestagswahlen und erstelle eine Tabelle mit Tortendiagrammen.“ Die KI durchsucht eigenständig Quellen, stellt die Daten zusammen und liefert eine fertige Auswertung.

Claude (Anthropic): Bietet über seine Cowork-Plattform und die API Agenten-Fähigkeiten an – aktuell vor allem für Unternehmen und Entwickler.

Kann ich mir jetzt einen persönlichen Assistenten klarmachen?

Kurze Antwort: Ja, aber mit angezogener Handbremse.

Für überschaubare Aufgaben funktioniert die Technik bereits erstaunlich gut: Recherche, Preisvergleiche, Zusammenfassungen, einfache Buchungen, Datenauswertungen. Wer das mal ausprobiert, ist oft verblüfft, wie gut das läuft.

Aber: Bei längeren, komplexeren Aufgaben passieren noch Fehler. Die KI verliert manchmal den Faden, klickt daneben oder vergisst Zwischenschritte. Und hier kommt der wichtigste Ratschlag: Gebt einem Agenten niemals sensible Aufgaben ohne Aufsicht. Kein Online-Banking, keine Vertragsabschlüsse, kein Zugriff auf persönliche Konten. Die meisten Anbieter haben zwar Sicherheitsmechanismen eingebaut – der Agent fragt zum Beispiel nach, bevor er etwas Unwiderrufliches tut – aber die Technik ist jung. Sicherheitsforscher haben bereits reale Schwachstellen wie „Prompt Injection“ nachgewiesen, bei der Angreifer schädliche Befehle in Webseiten einschleusen, die der Agent dann ausführt.

Für Technik-Neugierige ist jetzt ein guter Zeitpunkt zum Einstieg. Wer lieber abwartet, verpasst aber auch nichts Entscheidendes. Die Technik wird in den kommenden Monaten deutlich besser und einfacher zugänglich. Steinberger selbst hat als Ziel formuliert, einen Agenten zu bauen, „den sogar meine Mama benutzen kann“.

Und Europa? Leider weitgehend Fehlanzeige

Hier wird es unangenehm. Aktuell dominieren US-Unternehmen das Feld. OpenAI, Anthropic, Google, Meta – die Agenten-Revolution kommt fast ausschließlich aus dem Silicon Valley.

Peter Steinberger war als Österreicher eine der wenigen europäischen Ausnahmen – und genau das macht seine Geschichte so bezeichnend. Er hat als Einzelkämpfer einen Agenten gebaut, der viral ging, fast 200.000 GitHub-Sterne sammelte und von Millionen Menschen genutzt wurde. Und was passierte? OpenAI und Meta haben ihn umworben. Steinberger hat sich für OpenAI entschieden und arbeitet jetzt in San Francisco. OpenClaw bleibt als Open-Source-Projekt bestehen – aber das Talent ist weg.

Aus Deutschland gibt es bisher keine vergleichbaren Agenten-Projekte für Verbraucher. Die „Sovereign Tech Fund“-Initiative der Bundesregierung fördert Open-Source-Software, und es gibt durchaus starke KI-Forschung an deutschen Universitäten und am DFKI. Aber bei marktfähigen KI-Agenten, die Millionen Menschen nutzen können, hinkt Europa der Entwicklung deutlich hinterher.

Das bedeutet: Wer heute einen smarten KI-Assistenten will, kommt an US-Anbietern nicht vorbei. Mit allen Fragen rund um Datenschutz, Datenhoheit und digitale Abhängigkeit, die das mit sich bringt. Eure Daten landen auf US-Servern, europäische Datenschutzgesetze greifen dort nicht in gleichem Maße. Und wenn Meta die Manus-Technologie in WhatsApp integriert, nutzen Milliarden Menschen einen KI-Agenten, dessen Geschäftsmodell auf Werbung und Datensammlung basiert.

Was das für euch bedeutet

Die KI-Branche erlebt gerade einen echten Paradigmenwechsel. Nach Jahren als besserer Textgenerator wird KI zum digitalen Assistenten, der eigenständig handelt. Das verspricht enorme Zeitersparnis im Alltag – wirft aber auch grundlegende Fragen auf:

Vertrauen: Wem gebt ihr die Kontrolle über eure digitalen Aufgaben? Ein Agent, der euren Kalender verwaltet, eure E-Mails liest und in eurem Namen im Internet agiert, weiß mehr über euch als die meisten Menschen in eurem Leben.

Haftung: Wer ist verantwortlich, wenn der Agent einen Fehler macht? Wenn er den falschen Flug bucht oder eine peinliche E-Mail verschickt?

Arbeitsmarkt: Was passiert mit Jobs, die bisher genau darin bestanden, solche Aufgaben für andere zu erledigen? Anthropics eigener Head of Economics hat nach dem Cowork-Launch vor Jobverlusten in Bereichen wie Dateneingabe gewarnt.

Digitale Souveränität: Können wir es uns leisten, dass die Infrastruktur, die unseren Arbeitsalltag in wenigen Jahren bestimmen wird, ausschließlich von US-Konzernen kommt?

Sicher ist: Die Agenten kommen – und sie werden schneller Alltag, als viele denken.

Quellen: TechCrunch, CNBC, VentureBeat, OpenAI, Anthropic, Bloomberg, MIT Technology Review, GeekWire