Ich bin ein bisschen verrückt, wenn es darum geht, neue Kameras und Tech-Gadgets auszuprobieren. Egal ob Spiegelreflex, Videokamera, Drohne, Gimbals oder ActionCams. Was mich damals bei der DJI Osmo Pocket besonders geärgert hat: Die dubioseren Marketingmethoden der Hersteller sind heute Standard geworden. Ein Blick zurück und nach vorn.
Damals, 2018, habe ich mich wirklich bemüht, vorab eine DJI Osmo Pocket zum Test zu bekommen. Doch da war die Pressestelle eisern. Gibt es nicht. Nur ein paar Modelle, und die seien natürlich auf ewig ausgeliehen. Also habe ich eine Kamera gekauft. Zum vollen Preis. Aber irgendwie schneller liefern wollte DJI auch nicht. Man tut halt was man kann, in so einer Pressestelle, gell?
Aber wieso hatten dann schon Dutzende von Vloggern vorab die DJI Osmo Pocket „testen“ – oder besser: promoten – können? Das Headquarter suchte die Creator aus. Vermutlich bezahlte sie sogar. Denn anders ließ sich nicht erklären, dass praktisch alle Vlogger die Minikamera über den grünen Klee lobten. Und so taten, als wären von Anfang an Funktionen dabei, die nicht von Anfang an dabei waren.
Was damals ein Ärgernis war, ist heute Standard: Influencer Marketing mit unvollständigen Produkten.
Story Mode gab es noch gar nicht
Echte Journalisten hätten darauf hingewiesen: Leute, DJI verkauft euch in den Videos und auf den Produktseiten eine Funktion, die es – zumindest anfangs – gar nicht gab. Die Rede war vom Story Mode.
Der Story-Modus sollte es ermöglichen, mit der Minikamera bequem kurze „Stories“ zu drehen. Man wählt aus einer Liste von Templates etwas Passendes aus. Ein Schwenk von links nach rechts hier, eine Zufahrt dort. Die Software (App) sollte alles automatisch zusammenstellen, das Objektiv schwenken, alles mit Musik unterlegen.
Hübsche Idee, die an die besonderen Fähigkeiten der Drohnen erinnerte. Solche Aufnahmen ließen sich dann schnell und einfach posten. Als Story, etwa auf Instagram oder TikTok.
Gezielte Irreführung – damals wie heute
Nur: Die Funktion war gar nicht in der App DJI Mimo enthalten. Man musste beim Support nachfragen (die Pressestelle war ja keine Hilfe), um zu erfahren: Das wird nachgeliefert.
Da fragte ich mich: Wieso zeigten die von DJI ausgewählten und bevorzugten Vlogger fast alle schwärmerisch eine Funktion, die es anfangs gar nicht gab? Das nannte ich Etikettenschwindel.
Mal schnell vor Weihnachten noch Hardware verkaufen. Es wurden Funktionen versprochen, die noch gar nicht da waren. Aber KEINER sagte was. Die Webseite nicht. Die Vlogger nicht – und echte Journalisten auch nicht. Sie wurden ja nicht versorgt.
Das Problem hat sich verschärft
Was bei der DJI Osmo Pocket 2018 ärgerlich war, ist heute Standard geworden. Hersteller wie Tesla, Apple, Meta und viele andere verkaufen regelmäßig Funktionen, die erst Monate später per Update nachgeliefert werden. „Over-the-Air Updates“ sind zum Freifahrtschein für unfertige Produkte geworden.
Besonders krass: KI-Features werden oft als „coming soon“ beworben, während die Hardware bereits verkauft wird. Rabbit R1, Humane AI Pin, selbst Apples Intelligence – überall das gleiche Spiel. Kauft jetzt, Features kommen später.
Creator-Marketing als Brandbeschleuniger
Das Creator-Ökosystem hat diese Praktiken noch verstärkt. Wo früher Journalisten kritisch hinterfragt hätten, produzieren heute bezahlte Influencer unkritischen Content. Die Grenze zwischen Review und Werbung verschwimmt.
TikTok, Instagram und YouTube belohnen positive, spektakuläre Inhalte algorithmisch. Kritische Auseinandersetzung bringt weniger Views. Das Ergebnis: Eine Blase aus Hype und Oberflächlichkeit.
Was können wir tun?
Als Konsumenten müssen wir wachsam bleiben. Vor dem Kauf solltet ihr prüfen:
– Welche Features sind wirklich verfügbar?
– Was kommt erst später per Update?
– Sind die Versprechungen realistisch?
Bei Tech-Reviews solltet ihr auf Disclaimer achten: Wurde das Gerät gestellt? Gibt es eine Kooperation? Echte Tests erkennt ihr daran, dass auch Schwächen benannt werden.
Die DJI Osmo Pocket war übrigens trotz allem eine solide Kamera – als die versprochenen Features endlich funktionierten. Aber das Prinzip bleibt fragwürdig: Erst verkaufen, dann liefern.
Heute ist es noch schlimmer geworden. Die Branche hat gelernt: Man kann damit durchkommen. Deshalb sehen wir immer häufiger „Roadmap-Marketing“ statt fertiger Produkte.
Wir sollten uns nicht für dumm verkaufen lassen.
Zuletzt aktualisiert am 06.03.2026

