Eigentlich sollten im August 2026 die strengen Regeln für Hochrisiko-KI in Europa greifen. Doch die EU-Staaten haben sich auf eine deutliche Verschiebung geeinigt – und gleichzeitig ein klares Signal gegen sexualisierte Deepfakes gesetzt.
Das europäische KI-Gesetz – der sogenannte AI Act – gilt als Meilenstein der Technologieregulierung. Weltweit das erste umfassende Regelwerk für Künstliche Intelligenz. Doch zwischen ambitioniertem Gesetzestext und der Realität klafft eine Lücke: Die technischen Standards, die Unternehmen bräuchten, um die Regeln konkret umzusetzen, sind schlicht noch nicht fertig.
Und genau deshalb haben die EU-Mitgliedstaaten am 13. März 2026 im Rahmen des sogenannten „Digitalen Omnibus“ die Notbremse gezogen.
Die neuen Fristen: Bis zu zwei Jahre Aufschub
Der Kern der Einigung: Die ursprünglich für August 2026 geplanten strengen Auflagen für Hochrisiko-KI-Systeme werden nach hinten verschoben. Konkret bedeutet das: Eigenständige Hochrisiko-Systeme – etwa KI in der Personalauswahl, im Kreditwesen oder in der Bildung – müssen erst ab Dezember 2027 den vollen Anforderungen genügen. Für KI-Systeme, die in regulierte Produkte wie Medizingeräte eingebettet sind, gilt sogar erst der August 2028 als neuer Stichtag.
Das ist eine Verschiebung um 16 Monate beziehungsweise ein ganzes Jahr. Klingt nach viel – und das ist durchaus gewollt. Die EU-Kommission räumt offen ein, dass die notwendigen harmonisierten Standards für eine wirksame Durchsetzung noch nicht fertig sind. Ohne diese Standards wissen Unternehmen schlicht nicht genau genug, was sie tun müssen, um compliant zu sein.
Warum die Verschiebung kommt
Hinter dem Schlagwort „Stop the clock“ verbirgt sich massiver Druck aus der Wirtschaft. Konzerne wie SAP, Siemens und der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hatten seit Monaten gefordert, die Fristen nach hinten zu schieben. Ihr Argument: Man könne keine Regeln einhalten, deren konkrete Ausgestaltung noch gar nicht feststeht. Auch die deutsche Bundesregierung hatte sich für eine Verlängerung eingesetzt.
Gleichzeitig warnen Verbraucherschützer und Bürgerrechtsorganisationen davor, die gewonnene Zeit als Freibrief zu verstehen. Grundlegende Verbote – etwa gegen Social Scoring oder bestimmte biometrische Überwachung – gelten schon seit Februar 2025. Und die Transparenzpflichten für KI-generierte Inhalte wie Deepfakes? Die bleiben beim ursprünglichen Zeitplan und sollen ab August 2026 greifen.
Klare Kante bei sexualisierten Deepfakes
Das ist die andere Seite der Einigung – und die hat es in sich. Die EU-Staaten haben sich unmissverständlich für ein striktes Verbot von KI-generierten sexualisierten Inhalten ohne Einwilligung ausgesprochen. Das umfasst nicht nur Nacktbilder von Erwachsenen, sondern ausdrücklich auch Missbrauchsdarstellungen von Kindern.
Der Hintergrund: Anfang 2026 hatte der Skandal um Elon Musks Chatbot Grok für Empörung gesorgt, als Nutzer damit massenhaft nicht einvernehmliche Nacktbilder von Frauen und Minderjährigen erzeugt hatten. Die politische Reaktion folgt nun mit Nachdruck. Sexualisierte Deepfakes werden als verbotene KI-Nutzung eingestuft – mit entsprechenden Sanktionen.
Wie geht es weiter?
Die Einigung der Mitgliedstaaten ist ein wichtiger Schritt, aber noch nicht das letzte Wort. Am 18. März stimmen die zuständigen Ausschüsse im EU-Parlament ab. Bei Zustimmung folgen das Plenum und dann die sogenannten Trilog-Verhandlungen zwischen Parlament, Rat und Kommission. Sollte bis August 2026 kein finales Abkommen stehen, tritt automatisch das ursprüngliche KI-Gesetz mit seinen unveränderten Fristen in Kraft – das würde für erhebliche Rechtsunsicherheit sorgen.
Was das für dich bedeutet
Wer KI-Systeme entwickelt oder einsetzt, sollte die Verschiebung nicht als Einladung zum Abwarten verstehen. Die grundsätzlichen Pflichten des AI Act laufen weiter. KI-Kompetenzanforderungen für Mitarbeitende gelten schon jetzt, Transparenzpflichten kommen im August 2026. Und wer ein Hochrisiko-System betreibt, muss es künftig in einer EU-Datenbank registrieren – egal, ob er selbst glaubt, dass sein System dazugehört oder nicht.
Die Botschaft aus Brüssel ist klar: Die EU nimmt sich mehr Zeit – aber sie macht ernst. Wer die zusätzlichen Monate nicht für den Aufbau solider Governance-Strukturen nutzt, wird es später bereuen. Denn wenn die Regeln dann greifen, drohen Bußgelder von bis zu 35 Millionen Euro oder sieben Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.
Mehr Zeit heißt nicht weniger Verantwortung. Es heißt: besser vorbereiten.
