Urlaubszeit. Reisezeit. Fotozeit. Ist doch so: Wenn wir reisen, machen wir besonders gerne Fotoaufnahmen. Das war schon immer so – hat aber in Zeiten von Handy-Kameras, Sozialen Netzwerken und Selfies zweifellos einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Freunde müssen doch wissen, wo ich bin. Und einfach nur ein Strandfoto – das reicht vielen nicht mehr. Es müssen exzentrische Bilder her, und da wird immer öfter auch ein erhebliches Risiko eingegangen. Selbst in Lebensgefahr bringen sich manche.
Nicht wenige Menschen bringen sich in Gefahr, um möglichst spektakuläre Aufnahmen zu machen.
Wer möglichst viele Likes ergattern will auf Instagram, TikTok und Co., der muss schon was bieten. Ein Selfie beim Eincrèmen mit Sonnenmilch ist schön und gut – aber nicht der Hit. Also wird auf die oberste Spitze des Gipfels gekraxelt, sich auf den hervorstehenden Bergfels gestellt – oder sogar gesetzt. Hauptsache, es gibt ein cooles Foto. Oder Video. Ultimative Aufnahmen sollen her.
Also kopfüber in ein unbekanntes Gewässer hüpfen: Jeder erfahrene Schwimmer rät davon ab. Selfie-Rambos machen es trotzdem. Hauptsache, es sieht gut aus. Und das ist ganz schön gefährlich. Immer wieder passieren Unfälle: Die Leute rutschen aus, kommen nicht mehr runter oder verletzen sich beim Sprung. Die Zahlen sind alarmierend gestiegen – laut einer Studie der All India Institute of Medical Sciences sind zwischen 2011 und 2024 weltweit über 400 Menschen bei Selfie-Unfällen ums Leben gekommen. Deshalb gibt es für dieses waghalsige und wenig ratsame Verhalten auch bereits einen einprägsamen Namen: Killfie – statt Selfie.
Adventure man standing outdoor on the top of a mountain with blue sky in background – concept of travel and trekking or hiking sport activity – people and technology outdoor
KI macht’s noch schlimmer: Perfekte Bilder als Messlatte
Das Problem hat sich 2025 und 2026 nochmals verschärft. Dank KI-Tools wie Midjourney, DALL-E oder Stable Diffusion entstehen täglich Millionen perfekter, oft unrealistischer Bilder. Diese setzen eine völlig verzerrte Messlatte für „normale“ Urlaubsfotos. Wer mit seinem echten Selfie gegen KI-generierte Traumlandschaften antreten muss, fühlt sich unter Druck, noch extremere Locations aufzusuchen.
Gleichzeitig nutzen immer mehr Creator KI-Filter und -Verbesserungen für ihre Reisefotos. Das verstärkt die Illusion von makellosen, risikofreien Momenten – obwohl die Realität oft lebensgefährlich ist. Besonders perfide: Viele Influencer verschweigen, dass ihre Bilder KI-bearbeitet wurden.
Verantwortung der Influencer auf Instagram, TikTok und Co
Reisen ist ein absolutes Trendthema und funktioniert in allen Plattformen sehr gut. Gerade auf den bildgewaltigen Plattformen wie Instagram, TikTok oder dem aufstrebenden BeReal. Es gibt Reise-Influencer, die berichten seriös, verantwortungsvoll und mit Anstand über Reiseziele in aller Welt. Aber eine leider alles andere als kleine Zahl muss alles auf die Spitze treiben: Sie ignorieren sogar Absperrungen, nur um ihre spektakulären Aufnahmen zu machen.
Da gerade in den Sozialen Medien so ziemlich alles kopiert wird, versuchen auch viele User die halsbrecherischen Stunts nachzuahmen. Besonders gefährlich: TikTok-Challenges rund um extreme Selfie-Spots verbreiten sich viral und motivieren Nachahmer weltweit. Es ist also unverantwortlich, solche Aufnahmen – auch noch in großer Zahl – zu posten. Das bringt Menschen in Gefahr, die an denselben und ähnlichen Plätzen dieselben Aufnahmen machen wollen – oder noch ausgefallenere. Es ist ein Teufelskreis.
Immerhin: Einige Plattformen haben reagiert. Instagram blendet seit 2024 Warnhinweise bei Hashtags wie #killfie oder #extremeselfie ein. TikTok löscht Videos, die lebensgefährliche Stunts zeigen. Aber die Durchsetzung bleibt lückenhaft.
Natur wird überrannt
Es geht ja auch nicht nur darum, ob man sich in Gefahr begibt, sondern auch, ob die Natur überrannt wird. Das Problem hat sich seit Corona massiv verschärft, weil Millionen Menschen gleichzeitig die gleichen „Instagram-Spots“ aufsuchen.
Allerdings. Im Naturschutzpark Berchtesgaden hat man sich dazu entschlossen, mehrere natürliche Foto-Hotspots zu sperren. Der berühmte „Infinity Pool“ war nur der Anfang. Mittlerweile sind über ein Dutzend Locations gesperrt, weil sie von Instagram-Touristen überrannt wurden. Bis zu 1.000 Leute stehen dort täglich Schlange für das eine perfekte Foto.
Ähnliche Probleme gibt es inzwischen am Königssee, in der Partnachklamm und sogar am Neuschwanstein. Viele Nationalparks haben spezielle Ranger eingesetzt, die Social-Media-Hotspots überwachen. Die Kosten für Rettungseinsätze sind explodiert – allein in Bayern um 300% seit 2020.

Neue Technik, neue Risiken
Drohnen haben das Problem nochmals verschärft. Jeder kann heute für 200 Euro eine 4K-Drohne kaufen und Luftaufnahmen machen, die früher Profis vorbehalten waren. Das Ergebnis: Drohnen-Selfies in Nationalparks, über Menschenmengen oder in Flugverbotszonen. Die meisten User kennen nicht mal die Gesetze.
Auch 360-Grad-Kameras und Action-Cams wie GoPros verleiten zu immer extremeren Aufnahmen. Die Technik macht’s möglich – aber nicht ungefährlicher.
Besonders tückisch: Smartphone-Apps wie „Best Selfie Spots“ oder „Hidden Gems“ führen Nutzer gezielt zu abgelegenen, oft gefährlichen Locations. GPS macht’s möglich, dass auch unzugängliche Orte plötzlich überlaufen werden.
Was ihr beachten solltet
Die meisten gehören sicherlich eher nicht in die Gruppe der rücksichtslosen Influencer und ihre Nachahmer. Was muss man denn sonst so beachten, wenn man Fotos im Urlaub macht und in die Netzwerke stellt?
Am wichtigsten finde ich, die eigenen Kinder nicht erkennbar abzulichten. Für den eigenen Bedarf ist das ja OK – aber nicht, wenn die Bilder im Netz landen sollen. Egal, wie alt die Kinder sind. Immer unkenntlich machen, das ist wirklich wichtig.
Außerdem solltet ihr Geo-Tags bewusst einsetzen. Klar, ihr wollt zeigen, wo ihr seid. Aber überlegt zweimal, ob ihr wirklich den exakten Standort preisgeben wollt. Besonders bei abgelegenen Orten oder wenn ihr allein unterwegs seid. Viele Apps speichern automatisch GPS-Daten in den Bildern – das solltet ihr in den Einstellungen deaktivieren.
Achtet auch auf lokale Gesetze: In vielen Ländern ist das Fotografieren von Personen, Gebäuden oder Landschaften eingeschränkt. In Dubai kann ein Selfie vor bestimmten Gebäuden richtig teuer werden. In Japan sind Fotos in Tempeln oft verboten.
Denn niemand möchte peinliche Bilder von sich im nicht-vergesslichen Internet entdecken. Das gilt auch für die eigenen Aufnahmen. Lieber zwei Mal drüber nachdenken, was im Netz landet. Denn was heute noch witzig ist, das ist es morgen vielleicht schon nicht mehr. Natürlich ist es auch nicht clever, sich bei Rechtsverstößen aufzunehmen: Beim Campen an einer Stelle, wo es nicht erlaubt ist. Beim Klettern an einer Stelle, die abgesperrt ist. Etc. Auch wenn es manchen schwer fällt: Es muss nun wirklich nicht alles ins Netz.
Der Weg zu verantwortungsvollen Reisefotos
Dabei kann Reisefotografie so schön sein – ohne Lebensgefahr und Naturzerstörung. Authentische Momente, lokale Kultur, ehrliche Einblicke: Das funktioniert auch ohne Extremsport. Viele erfolgreiche Travel-Blogger setzen inzwischen bewusst auf „Slow Travel“ und nachhaltige Inhalte.
Der Trend geht zum Glück auch in Richtung Entschleunigung. Apps wie BeReal zeigen ungefilterte, spontane Momente. Das ist ehrlicher als jeder inszenierte Killfie-Wahnsinn.
Zuletzt aktualisiert am 24.02.2026
