Die ARD/ZDF-Medienstudie 2026 liefert Zahlen, die noch vor zwei Jahren undenkbar waren: Fast 60 Prozent der Menschen in Deutschland nutzen inzwischen KI-Tools. Gleichzeitig wächst Streaming kaum noch – und YouTube ist längst mehr als eine Videoplattform. Was die Zahlen wirklich bedeuten.
Jedes Jahr im Herbst schauen Medienmacher, Werber und Forscher gespannt auf eine Studie: die ARD/ZDF-Medienstudie, früher bekannt als ARD/ZDF-Onlinestudie. Sie misst seit fast drei Jahrzehnten, wie die Menschen in Deutschland Medien nutzen. Die Ausgabe 2026 hat einen klaren Star – und der heißt KI.
Die wichtigsten Zahlen im Überblick
59 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren nutzen KI-Tools zumindest gelegentlich. Vor einem Jahr waren es noch 42 Prozent. Noch eindrucksvoller ist, was dahintersteckt: 37 Prozent greifen mindestens wöchentlich zu ChatGPT, Gemini, Claude und Co. – ein Plus von 15 Prozentpunkten. Und 13 Prozent nutzen KI täglich, fast doppelt so viele wie 2025.
Wer täglich KI nutzt, verbringt damit im Schnitt 57 Minuten. Bei den 14- bis 29-Jährigen sind es 67 Minuten, bei den 50- bis 69-Jährigen immerhin noch 28 Minuten. Das ist keine Spielerei mehr, das ist Alltag.
Die Altersschere bleibt allerdings deutlich: Bei den 14- bis 29-Jährigen nutzen 92 Prozent KI-Tools, 68 Prozent sogar wöchentlich. Bei den 30- bis 49-Jährigen sind es rund drei Viertel (48 Prozent wöchentlich), bei den 50- bis 69-Jährigen etwa die Hälfte. Und bei den über 70-Jährigen liegt der Anteil bei 15 Prozent.
Befragt wurden 2.462 Menschen zwischen Ende Januar und Mitte April 2026, zu 70 Prozent telefonisch, zu 30 Prozent online.
Nutzen ja, vertrauen nein
Spannend wird es beim Thema Vertrauen. 54 Prozent der Befragten halten Informationen aus KI-Tools für weniger oder gar nicht vertrauenswürdig. Nur drei Prozent bewerten sie als „sehr vertrauenswürdig“. Trotzdem nutzt eine Mehrheit die Werkzeuge.
Das ist kein Widerspruch, sondern ein Muster, das wir aus der Geschichte kennen. Wikipedia galt lange als unseriös – und wurde trotzdem zur meistgenutzten Nachschlagequelle. Der Unterschied: Bei KI ist die Skepsis berechtigt. KI denkt nicht, sie rechnet. Sie liefert wahrscheinliche Antworten, keine geprüften.
Die Studie zeigt auch, wie die Menschen damit umgehen: 81 Prozent finden Quellenangaben in KI-Antworten wichtig oder sehr wichtig. Aber nur 43 Prozent halten die Quellen für transparent genug. Und 58 Prozent klicken die verlinkten Quellen selten oder nie an. Anders gesagt: Wir wollen, dass die Quellen da sind – prüfen tun wir sie nicht. Das ist menschlich, aber riskant.
Streaming: Das Wachstum ist vorbei
Der zweite große Befund der Studie: Streaming wächst nicht mehr. Nach Jahren steiler Kurven haben sich die Reichweiten von Video- und Audiostreaming stabilisiert. Netflix erreicht wöchentlich 35 Prozent der Bevölkerung, Prime Video 25 Prozent, die ARD Mediathek 23 Prozent, das ZDF 20 Prozent.
Bei Audio dominiert Spotify mit 34 Prozent wöchentlicher Reichweite. Podcasts erreichen wöchentlich 25 Prozent – stabil, aber nicht mehr wachsend. Die tägliche Podcast-Nutzung ist von 14 auf 12 Prozent gesunken.
Heißt das, der Markt ist gesättigt? Zum Teil. Wer streamen will, streamt längst. Die Frage ist nicht mehr, ob die Menschen Streamingdienste nutzen, sondern welche – und wie viele Abos sie sich leisten wollen.
Das lineare Fernsehen verliert weiter, aber langsam: 56 Prozent schalten täglich ein, im Vorjahr waren es 59 Prozent. Dramatisch sieht es bei den 30- bis 49-Jährigen aus, wo die tägliche TV-Reichweite binnen eines Jahres von 45 auf 39 Prozent gefallen ist. Und bei den 14- bis 29-Jährigen entfallen 88 Prozent der Sehzeit auf nicht-lineare Angebote.
YouTube: Der heimliche Fernsehsender
Eine Zahl sticht aus dem Streaming-Block heraus: YouTube erreicht 71 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren. Wöchentlich sind es 47 Prozent – mehr als jeder andere Videodienst, öffentlich-rechtliche Mediatheken eingeschlossen.
Und hier lohnt sich ein genauerer Blick. Denn YouTube ist schon lange keine Abspielstation für Katzenvideos und Tutorials mehr. YouTube ist zum Fernsehsender geworden – nur ohne Programmschema.
Das zeigt sich vor allem an einem Trend, den die Nutzungszahlen allein nicht abbilden: YouTube wird zunehmend auf dem Fernseher geschaut. Auf dem großen Bildschirm im Wohnzimmer, über Smart-TV oder Streaming-Stick, oft zu den klassischen Fernsehzeiten am Abend. Dokumentationen, Interviews, Talkformate, lange Erklärvideos – Inhalte, die früher das Fernsehen geliefert hat, kommen heute von Creators. YouTube selbst meldet seit Jahren, dass der Fernseher zum wichtigsten Bildschirm für die Plattform wird.
Damit verschieben sich die Machtverhältnisse. Wer auf YouTube ein Publikum hat, braucht keinen Sendeplatz. Und die öffentlich-rechtlichen Sender haben das verstanden: Tagesschau, Terra X, MrWissen2go – sie alle sind auf YouTube präsent, weil sie dort die Menschen erreichen, die im linearen Programm längst weg sind. Bei den 14- bis 29-Jährigen machen Social Media und YouTube fast die Hälfte der gesamten Sehzeit aus.
Neu in der Studie: YouTube Music, das erstmals erfasst wurde und mit 30 Prozent Reichweite gleich auf Platz zwei hinter Spotify landet. YouTube ist also nicht nur Fernsehsender, sondern auch Radiosender.
Social Media: Stagnation auf hohem Niveau
Bei den sozialen Netzwerken passiert wenig. Instagram bleibt mit 40 Prozent wöchentlicher Reichweite die Nummer eins. Facebook verliert weiter (28 Prozent, minus drei Punkte), TikTok ebenfalls (18 Prozent, minus zwei). Keine große Plattform wächst.
Auch das passt ins Bild: Die Aufmerksamkeit ist begrenzt, und sie wandert gerade an einen neuen Ort. Wer heute Zeit mit ChatGPT verbringt, verbringt sie nicht auf Facebook.
Was das alles bedeutet
Drei Dinge lassen sich aus der Studie ablesen.
Erstens: KI ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Nicht als Hype, sondern als Werkzeug. Wer heute noch glaubt, das sei ein Thema für Nerds, hat die Zahlen nicht gelesen. Selbst bei den über 50-Jährigen nutzt jeder Zweite KI-Tools.
Zweitens: Die Skepsis ist gesund, aber sie muss in Kompetenz münden. Quellenangaben zu fordern und nicht zu lesen, bringt nichts. Hier entsteht eine neue Bildungsaufgabe – für Schulen, Medien und Volkshochschulen. ARD-Vorsitzender Florian Hager spricht in diesem Zusammenhang von einer aktiven Rolle der Öffentlich-Rechtlichen gegen Deepfakes und für Medienkompetenz. Zu Recht.
Drittens: Die Grenzen zwischen den Mediengattungen lösen sich auf. YouTube ist Fernsehen, Spotify ist Radio, und KI-Tools werden zur Suchmaschine. Die Suchmaschinen selbst nutzen noch 84 Prozent wöchentlich – aber auch die haben inzwischen eine KI-Antwort ganz oben stehen.
Die Medienstudie 2026 dokumentiert einen Umbruch, der noch nicht abgeschlossen ist. Wenn sich das Tempo hält, nutzen im nächsten Jahr zwei von drei Menschen in Deutschland KI. Dann ist es keine Frage mehr, ob ihr KI nutzt. Sondern nur noch, wie gut.

Bei dem Tempo den Überblick zu behalten, ist die eigentliche Kunst.
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