Viele fragen sich: Was bedeutet das jüngste BGH-Urteil in Sachen „Digitale Erbe“ denn jetzt generell für meinen digitalen Nachlass? Ist jetzt einfach für enge Verwandte nach meinem Tod auf meine privaten Daten zuzugreifen?
Wichtige Fragen, denn im Zweifel möchte man möglicherweise nicht, dass andere nach meinem Tod meine WhatsApp-Nachrichten lesen oder Zugriff auf die Protokolle meiner Video-Chats haben – oder vielleicht sogar sehen können, wem ich was auf Tinder oder Bumble geschickt habe.

Der Bundesgerichtshof
Messenger können keine Chats rausgeben
Bei WhatsApp und den meisten anderen Chat-Apps ist die Sache nach wie vor klar: Wegen der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ist es den Betreibern gar nicht möglich, die Chat-Protokolle herauszugeben – also die Inhalte. Das kann Meta bei WhatsApp-Chats also nicht, ebenso wenig wie Signal, Telegram (bei geheimen Chats) oder Threema. Nur wenn die Erben den direkten Zugang zum Smartphone oder Account haben, können sie die Nachrichten einsehen.
Bei anderen Diensten sieht es anders aus: Instagram Direct Messages, Facebook Messenger (normale Chats), Twitter/X DMs oder LinkedIn-Nachrichten liegen unverschlüsselt auf den Servern. Hier können die Anbieter theoretisch auf Anfrage der Erben die kompletten Chatverläufe herausgeben.
Was passiert mit euren anderen digitalen Spuren?
Noch komplexer wird es bei Cloud-Diensten, E-Mail-Accounts und anderen Online-Services. Google, Apple, Microsoft und Co. verwalten Terabytes an persönlichen Daten: Fotos, Dokumente, Suchverläufe, Standortdaten, Einkäufe – ein digitales Leben in all seinen Facetten.
Das BGH-Urteil macht klar: Diese Daten werden grundsätzlich vererbt wie andere Vermögensgegenstände auch. Praktisch bedeutet das aber nicht automatisch, dass Erben sofort Zugang bekommen. Die meisten Tech-Konzerne haben eigene Verfahren entwickelt:
• Google: Der „Kontoinaktivität-Manager“ lässt euch festlegen, wer nach eurem Tod auf welche Daten zugreifen darf
• Apple: „Digitaler Nachlass“ in den iCloud-Einstellungen ermöglicht es, Nachlasskontakte zu benennen
• Microsoft: Bietet einen „Nächste Verwandte“-Prozess für Outlook und OneDrive
• Meta: Facebook und Instagram können in Gedenkkonten umgewandelt oder gelöscht werden
Proaktiv handeln statt reagieren
Wer Kontrolle über seinen digitalen Nachlass behalten will, sollte nicht auf die Erben warten. Hier sind die wichtigsten Schritte:
Passwort-Manager nutzen: Tools wie 1Password, Bitwarden oder Keepass können so konfiguriert werden, dass Vertrauenspersonen im Notfall Zugang erhalten. Das ist deutlich eleganter als eine Passwort-Liste im Testament.
Zwei-Faktor-Authentifizierung überdenken: SMS-basierte 2FA ist problematisch, wenn die Handynummer nach dem Tod nicht mehr zugänglich ist. Authenticator-Apps oder Hardware-Token sind besser planbar.
Digitales Testament erstellen: Notare bieten mittlerweile spezielle Services für digitale Nachlässe an. Hier könnt ihr genau festlegen, wer auf welche Accounts zugreifen darf und welche gelöscht werden sollen.
Die rechtliche Realität 2026
Seit dem BGH-Urteil haben sich die meisten großen Anbieter angepasst – wenn auch widerwillig. Die EU-Digitalgesetze (Digital Services Act und Digital Markets Act) haben zusätzlichen Druck erzeugt. Trotzdem bleiben Grauzonen:
• Anbieter mit Sitz außerhalb der EU sind schwer zu greifen
• Kryptowährungen und NFTs folgen anderen Regeln
• Verschlüsselte Daten bleiben technisch unzugänglich
• Geschäftsgeheimnisse und Urheberrechte können den Zugang einschränken
Die Praxis zeigt: Je klarer ihr eure Wünsche zu Lebzeiten formuliert, desto weniger Stress haben eure Angehörigen später. Das gilt sowohl für gewünschte Zugänge als auch für ausdrückliche Löschungen.
Neue Herausforderungen durch KI
Ein Aspekt, der 2026 immer wichtiger wird: KI-Services wie ChatGPT, Claude oder Gemini speichern eure Unterhaltungen und lernen aus euren Daten. Diese „digitalen Persönlichkeitsprofile“ werfen völlig neue Fragen auf: Sollen Erben Zugang zu euren KI-Chats haben? Was passiert mit personalisierten KI-Assistenten?
Einige Anbieter experimentieren bereits mit „Memorial AI“ – KI-Versionen verstorbener Personen, die auf deren digitalen Spuren basieren. Ein Segen für trauernde Angehörige oder ein Alptraum? Das werden wohl zukünftige Gerichtsurteile klären müssen.
Fakt ist: Euer digitaler Nachlass wird immer komplexer. Wer die Kontrolle behalten will, muss sich heute schon Gedanken machen – nicht erst die Erben nach dem Todesfall.
Zuletzt aktualisiert am 08.03.2026

