Es ist (leider) täglich zu beobachten: Selbst seriöse, angesehene Redaktionen hauen Meldungn raus – und das oft nicht nur in den Online-Kanälen -, die es entweder gar nicht wert sind, ventiliert zu werden – und/oder die nicht ausreichend recherchiert sind. Warum? Online erhöht den Druck: Alle müssen schnell sein – alle müssen Aufmerksamkeit ergattern.

Stellen wir uns einen Moment vor, es gäbe das Internet nicht. Sir Tim Berners-Lee hätte nie den Geistesblitz vom World Wide Web gehabt. Folglich auch keine Apps. Wir würden mit dem Handy telefonieren, nicht surfen. Klar, dann wäre auch dieser Blogtext nicht lesbar. Aber: Wir hätten auch deutlich weniger Druck im Journalismus und vermutlich mehr Qualität. Denn das Netz bietet zwar einen wunderbaren Rückkanal für uns Journalisten, erzeugt aber auch jede Menge Druck.

Banale Themen werden im Netz ventiliert

Heute wird jede Sau durchs Dorf getrieben. Alles, das sich zuspitzen lässt, Erregung generiert, Aufmerksamkeit erzeugt – geht ins Netz. Ein Politiker fordert eine Abschaffung der 1. Klasse in Regionalzügen? Eine Banalität, die keinerlei Berichterstattung wert ist. Aber im Netz wunderbar funktioniert – weil sich die Menschen aufregen können.

„Die User können sich beteiligen“, sagen jene, die diese Erregungsökonomie gerne schönreden. Im Netz sehen wir Tweets zum Thema, Insta-Stories, Videos. Aber wozu? Das Thema ist völlig belanglos. Ohne jede Bedeutung. Es bringt unsere Gesellschaft null voran. An einer ernsthaften Diskussion darüber ist garantiert niemand interessiert. Trotzdem ist es überall präsent. Zeit- und Energieverschwendung.

Eine Notlandung als Startschuss für ein neues Zeitalter

Doch diese Mechanismen haben Einfluss auf den Journalismus. Nicht nur auf den Online-Journalismus (auf den ganz besonders) sondern auf alle Arten von Journalismus. Journalisten sind getrieben. Schnell, schneller, erster! Wer will schon gerne zusehen, wie die Kollegen früher da sind? Das Internet kann da nur gewinnen. Hier ist alles sofort online – in dem Moment, in dem es passiert. Was auf der Strecke bleibt, ist die Recherche. Das Reflektieren. Das Nachdenken. Das Einordnen.

Eine Zäsur war die Notlandung des Airbus A320 im Hudson River im Januar 2009. Vor zehn Jahren ging ein Foto von dem Flugzeug um die Welt. Aufgenommen von einem Privatmensch. Verteilt über Twitter. Damals konnte man noch gar nicht offiziell Fotos in Twitter einbetten – deshalb wurde nur ein Link geteilt. Doch das Foto wurde praktisch überall verwendet. In Zeitungen, im Fernsehen, online. Twitter hatte gesiegt – über all die anderen.

Seitdem ordnen sich alle unter. Einer eifriger als der andere. Psychologen nennen das: Unterwerfung. Denn alle versuchen schneller zu sein als die Netz-Gemeinde. Und wo das nicht geht, werden ungeniert Onlineinhalte übernommen und zitiert – häufig genug ohne Sinn und Verstand. Oft auch ohne Anstand. Jedenfalls weder im Interesse des seriösen Journalismus, noch überhaupt.

Vielleicht sollten sich Journalisten öfter fragen: Wie würde ich berichten, wenn es das Internet nicht gäbe?

 

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  1. […] 3. September 2019 JOURNALIST Google, JournalismusWie das Internet den Journalismus verflacht  schieb.de […]

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