Apple steht unter Zugzwang – und macht jetzt ernst. Der iPhone-Konzern plant nicht weniger als die komplette Neuerfindung von Siri als vollwertigen KI-Chatbot. Dazu kommt ein mysteriöses Wearable, das an einen smarten Pin erinnert. Was steckt dahinter?
Lange Zeit wirkte Apple im KI-Rennen wie ein Zuschauer in der ersten Reihe: Während OpenAI mit ChatGPT, Google mit Gemini und Anthropic mit Claude ihre Chatbots immer mächtiger machten, dümpelte Siri vor sich hin. Die Sprachassistentin konnte zwar Wecker stellen und Wetter ansagen, aber echte Gespräche führen? Fehlanzeige. Das soll sich radikal ändern.
Campos: Der Chatbot-Neustart für Siri
Unter dem Codenamen „Campos“ entwickelt Apple einen komplett neuen Siri-Chatbot, der mit iOS 27 auf iPhone, iPad und Mac landen soll. Das Besondere: Es wird kein separates Chatbot-Fenster geben. Stattdessen wird der neue Siri direkt ins System integriert – aktivierbar wie gewohnt per „Hey Siri“ oder Seitentaste.
Die Funktionen klingen vertraut: Websuche, Bilderzeugung, Dateianalyse, Code-Unterstützung. Also genau das, was ChatGPT und Co. längst können. Der Clou liegt woanders: Apple will Siri tief in die eigenen Apps einbetten – von Fotos über Mail bis hin zu Musik und TV. Die Vision: Eine durchgängige Konversation, die durch alle Apps läuft, statt ständig zwischen verschiedenen Programmen hin- und herzuspringen.
Google macht’s möglich – oder doch nicht?
Hier wird’s interessant: Apple setzt auf Google. Die Basis für den neuen Siri-Chatbot bildet ein angepasstes Gemini-Modell, intern „Apple Foundation Models Version 11“ genannt. Apple bestätigte kürzlich eine mehrjährige Partnerschaft mit Google, bei der Gemini-Technologie künftige Apple-Intelligence-Funktionen antreiben soll.
Doch Apple bleibt Apple: Während ChatGPT sich alles merkt und Claude längere Gesprächsverläufe speichert, erwägt der iPhone-Konzern bewusst Grenzen. Aus Datenschutzgründen könnte Siri ein kürzeres Gedächtnis bekommen – ganz im Sinne von Apples Privacy-First-Philosophie. Nützlich ja, aber bitte ohne jahrelange Speicherung persönlicher Gespräche.

Von wegen nur Chatbot: Das mysteriöse Wearable
Parallel zum Siri-Umbau arbeitet Apple an einem Wearable-Projekt, das aufhorchen lässt. Ein kleiner, kreisrunder Pin – ungefähr so groß wie ein AirTag, nur etwas dicker – soll mit Kameras und Mikrofonen die Umgebung erfassen und interpretieren. Frühester Launch: 2027.
Das Gerät würde ohne klassischen Bildschirm auskommen und stattdessen auf KI-gestützte Sprach- und Sensorinteraktion setzen. Praktisch ein „Ambient AI“-Device, das eure Umgebung versteht und kontextbezogen reagiert. Klingt bekannt? Genau, Humane AI Pin und Rabbit R1 haben genau das versucht – mit mäßigem Erfolg.
Warum macht Apple das jetzt?
Die Antwort liegt im Wettbewerb. OpenAI entwickelt gemeinsam mit Ex-Apple-Designer Jony Ive eigene KI-Hardware. ChatGPT als Betriebssystem für Audio-basierte Geräte, Smart Glasses, Voice Recorder – die komplette Palette.
Apple kann sich nicht leisten, bei der nächsten Computing-Welle wieder zu spät zu kommen. Das iPhone war Apples Meisterstück, die Apple Watch ein solider Erfolg. Aber bei KI? Da hinkt der Konzern hinterher. Apple Intelligence, im letzten Jahr groß angekündigt, hat eher enttäuscht. Siri-Upgrades wurden verschoben, Werbeversprechen nicht eingehalten.
Die Timeline: Wann kommt was?
Schon im Frühjahr 2026 soll iOS 26.4 ein erstes großes Siri-Update bringen – quasi die Vorschau auf das, was kommt. Die vollen Chatbot-Funktionen landen dann mit iOS 27, vermutlich vorgestellt auf der WWDC im Juni 2026 und ausgeliefert im Herbst.
Das Wearable ist weiter weg. 2027 wäre das früheste Datum, aber das Projekt befindet sich noch in einem frühen Stadium. Apple könnte es auch komplett einstampfen, wenn die Entwicklung nicht wie gewünscht läuft.
Wird das funktionieren?
Die entscheidende Frage. Apple hat einen klaren Vorteil: das Ökosystem. Milliarden Geräte weltweit, nahtlose Integration, treue Nutzer. Wenn Siri wirklich smart wird und sich wie angekündigt durch alle Apps zieht, könnte das ein echter Game Changer sein.
Aber: Google und OpenAI haben jahrelangen Vorsprung bei großen Sprachmodellen. Microsoft hat Copilot tief in Windows eingebaut. Der Wettbewerb schläft nicht.
Beim Wearable bin ich noch skeptischer. Die bisherigen Versuche mit AI Pins waren technisch beeindruckend, aber praktisch wenig überzeugend. Wer braucht wirklich ein weiteres Gerät, wenn das Smartphone eh immer dabei ist? Apple müsste hier etwas fundamental Neues liefern – und das ist selbst für Apple nicht einfach.
Das Datenschutz-Dilemma
Spannend wird, wie Apple den Spagat zwischen Leistung und Privacy hinbekommt. KI-Chatbots leben von Kontext und Erinnerung. Je mehr sie wissen, desto besser die Antworten. Aber genau das widerspricht Apples Datenschutz-Versprechen.
Die Lösung könnte in lokaler Verarbeitung liegen: Möglichst viel auf dem Gerät selbst, nur Notwendiges in der Cloud. Das ist technisch anspruchsvoll, aber machbar. Und es wäre ein echtes Differenzierungsmerkmal gegenüber der Konkurrenz.
Mein Fazit
Apple wacht auf – spät, aber immerhin. Die Kombination aus Siri-Neuerfindung und experimenteller Hardware zeigt: Der Konzern nimmt KI ernst. Ob es reicht, um aufzuholen? Das wird sich zeigen.
Eins ist klar: 2026 wird für Apple ein entscheidendes Jahr. Mit der Google-Partnerschaft im Rücken und einem kompletten Siri-Relaunch könnte der Konzern tatsächlich wieder ins KI-Rennen zurückfinden. Oder aber es wird zum nächsten Kapitel in der Geschichte verpasster Chancen.
Ich bin vorsichtig optimistisch. Apple hat schon mehrfach bewiesen, dass sie Technologien nicht erfinden, sondern perfektionieren. Vielleicht schaffen sie das auch bei KI-Chatbots. Die Alternative – ein dauerhaftes Hinterherhinken im wichtigsten Tech-Bereich der Dekade – kann sich Apple schlicht nicht leisten.