Wer Kinder oder Jugendliche hat, kennt das Bild: Der Blick klebt am Smartphone, der Daumen wischt nach oben, ein Video nach dem nächsten. Aufhören? Fehlanzeige. Was viele Eltern längst ahnen, hat die EU-Kommission jetzt schwarz auf weiß bestätigt: TikTok verstößt mit seinem süchtig machenden Design gegen europäisches Recht.
Kein Bauchgefühl mehr, sondern ein offizieller Befund
Am Freitag hat die EU-Kommission ihre vorläufigen Ergebnisse veröffentlicht – und die haben es in sich. TikTok verstößt demnach gegen den Digital Services Act (DSA), also gegen das europäische Gesetz, das große Online-Plattformen seit 2022 dazu verpflichtet, die Risiken ihrer Dienste für Nutzerinnen und Nutzer zu bewerten und wirksam zu minimieren.
Der zentrale Vorwurf: TikTok setzt auf ein suchtererzeugendes Design. Gemeint sind damit nicht irgendwelche Inhalte, sondern die Art und Weise, wie die App grundsätzlich funktioniert. Konkret nennt die Kommission vier Mechanismen: das endlose Scrollen, bei dem ständig neue Videos nachgeladen werden. Das automatische Abspielen, das den nächsten Clip startet, bevor man überhaupt entschieden hat, ob man weiterschauen will. Push-Benachrichtigungen, die einen immer wieder in die App zurückholen. Und ein hochgradig personalisiertes Empfehlungssystem, das mit erschreckender Präzision weiß, was einen fesselt.
Zusammen, so die EU-Regulierer, versetzen diese Funktionen das Gehirn in eine Art Autopilot. Man scrollt weiter, obwohl man längst aufhören wollte. Man öffnet die App, obwohl man eigentlich etwas anderes tun wollte. Und man merkt oft gar nicht, wie viel Zeit vergangen ist.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache
Dass das kein theoretisches Problem ist, zeigen die Daten der JIM-Studie (Jugend, Information, Medien), die der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest jährlich erhebt. In der Ausgabe 2024 geben zwei Drittel der befragten 12- bis 19-Jährigen an, regelmäßig länger am Handy zu sein als geplant. Über die Hälfte nutzt TikTok regelmäßig, mehr als ein Drittel der Mädchen sogar mehrmals täglich. Vier von zehn Jugendlichen fühlen sich bei den Hausaufgaben durch das Handy abgelenkt.
Die aktuelle JIM-Studie 2025 zeigt, dass sich die Lage nicht entspannt hat – im Gegenteil. Die durchschnittliche tägliche Bildschirmzeit am Smartphone liegt inzwischen bei 231 Minuten, also knapp vier Stunden. Bei den Volljährigen unter den befragten Jugendlichen sind es sogar über viereinhalb Stunden. 67 Prozent genießen es zwar, auch mal offline zu sein – aber nur 36 Prozent schaffen es, ihr Handy regelmäßig bewusst auszuschalten. Das zeigt die ganze Diskrepanz: Die Einsicht ist da, das Verhalten hinkt hinterher. Genau das ist Suchtmechanik.
TikToks Schutzmaßnahmen? Laut EU wirkungslos
TikTok verweist gern auf die eigenen Schutzfunktionen. Es gibt Bildschirmzeit-Limits, für 13- bis 17-Jährige ist automatisch eine Stunde voreingestellt. Es gibt ein „Family Pairing“-Tool, mit dem Eltern Einstellungen für ihre Kinder anpassen können. Klingt vernünftig – überzeugt die EU-Kommission aber nicht.
Das Problem: Die Warnhinweise bei Erreichen des Zeitlimits lassen sich viel zu leicht wegklicken. Ein kurzer Tipp auf „Weiter“ – und schon geht’s weiter. Und die elterlichen Kontrollwerkzeuge erfordern technisches Wissen und zusätzlichen Zeitaufwand, den viele Eltern im Alltag schlicht nicht haben. Effektiver Jugendschutz sieht anders aus.
Warum TikTok – und nicht Instagram oder YouTube?
Auch gegen Meta läuft bereits ein DSA-Verfahren, und YouTube steht ebenfalls unter Beobachtung. Aber TikTok ist ein Sonderfall. Bei Instagram oder YouTube sucht man auch gezielt nach Inhalten, folgt bestimmten Accounts, hat eine gewisse Kontrolle. TikToks „For You“-Feed dagegen ist ein reiner Algorithmus-Strom. Die App entscheidet, was du siehst – und sie ist verdammt gut darin, genau die Inhalte auszuwählen, die dich nicht mehr loslassen. Das gesamte Produkt ist von Grund auf auf maximale Verweildauer optimiert. Genau das macht es so wirkungsvoll – und so problematisch.
Auch in den USA stehen die Plattformen vor Gericht
Die EU ist nicht allein mit ihrem Vorgehen. In den USA hat Ende Januar ein wegweisender Musterprozess gegen Meta und YouTube in Los Angeles begonnen. Der Vorwurf ist identisch: Die Plattformen hätten ihre Dienste gezielt so gestaltet, dass Nutzer süchtig werden. TikTok und Snapchat haben sich in dem Verfahren bereits per Vergleich geeinigt, die Klage gegen Meta und YouTube läuft weiter. Hunderte ähnliche Klagen sind in den USA anhängig. Der Unterschied zum europäischen Ansatz: In der EU setzt die Politik auf Regulierung über den DSA, in den USA geht es vor Gericht – aber die Stoßrichtung ist dieselbe.
Was jetzt passiert – und was Eltern tun können
TikTok hat zunächst die Möglichkeit, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Das Unternehmen weist die Ergebnisse zurück und spricht von einem „kategorisch falschen Bild“ der Plattform. Bestätigt die Kommission ihre Einschätzung, droht eine Geldstrafe von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes – bei ByteDance wäre das eine Summe in Milliardenhöhe.
Mittelfristig könnte sich TikTok in Europa deutlich verändern müssen: weniger endloses Scrollen, echte Pausen, ein weniger aggressiver Algorithmus. Das wäre ein Eingriff ins Kernprodukt.
Aber was können Eltern jetzt schon tun? Mein Tipp: Richtet die Bildschirmzeit-Begrenzung nicht in TikTok selbst ein, sondern direkt im Betriebssystem des Smartphones. Bei iPhones heißt die Funktion „Bildschirmzeit“, bei Android „Digital Wellbeing“. Diese Limits lassen sich nicht so leicht wegdrücken wie die TikTok-eigenen Warnhinweise. Und noch wichtiger: Redet mit euren Kindern darüber, wie diese Apps funktionieren. Wer versteht, dass ein Algorithmus einen gezielt bei der Stange halten will, kann sich leichter davon lösen.
Die Botschaft aus Brüssel und Los Angeles ist jedenfalls eindeutig: Das Suchtpotenzial von Social Media ist kein Privatproblem der Nutzer mehr. Es ist die Verantwortung der Anbieter. Und TikTok ist erst der Anfang.