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Telegram und der Kampf gegen Extremismus: Lehren aus dem Fall Hildmann

von | 11.06.2021 | Digital

Telegram kämpft 2026 noch immer mit extremistischen Inhalten und Desinformation. Der Fall Attila Hildmann zeigt exemplarisch, wie schwierig die rechtliche Verfolgung von Hass und Hetze auf Messengern ist – und warum die Plattform inzwischen selbst härter durchgreift.

Hass, Hetze und Antisemitismus sind nach wie vor große Probleme – in der Gesellschaft, und damit auch in Netzwerken und auf Plattformen. Das verschärfte Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) und der Digital Services Act (DSA) zwingen große Plattformen seit 2024 noch konsequenter dazu, bei problematischen Inhalten aktiv zu werden. Eine Plattform aber fällt nach wie vor durchs Raster: Telegram.

Auf den meisten Geräten ist der Telegream Kanal nicht mehr ansprechbar

Telegram zwischen Messenger und sozialer Plattform

Denn Telegram bewegt sich rechtlich in einer Grauzone: Offiziell ein Messenger, funktioniert der Dienst mit seinen öffentlichen Kanälen aber längst wie eine soziale Plattform. Diese Doppelrolle macht es schwer, rechtlich gegen problematische Inhalte vorzugehen. Extremisten wie der als Rechtsextremist geltende Ex-Vegan-Koch Attila Hildmann nutzten diese Lücke jahrelang aus.

Hildmann erreichte über seinen öffentlichen Telegram-Kanal zeitweise mehr als 100.000 Menschen und verbreitete hier nicht nur extremes Gedankengut, sondern vor allem Antisemitismus und Verschwörungstheorien. Besonders perfide: Seine Follower wurden systematisch zu koordinierten Aktionen gegen öffentlich-rechtliche Medien aufgerufen.

Koordinierte Angriffe auf Medien und demokratische Institutionen

Louisa Heerde, damals Social Media Managerin beim WDR, erlebte diese Strategie hautnah: „Wenn Attila Hildmann zum ‚Daumen runter-Blitzkrieg‘ aufruft, haben wir in der Redaktion mächtig zu tun.“ Hildmanns Gefolgschaft bombardierte dann YouTube-Videos mit negativen Bewertungen und diffamierenden Kommentaren – oft ohne die Inhalte überhaupt anzuschauen.

Diese Form der koordinierten Manipulation ist heute noch verbreiteter geworden. Extremistische Gruppen nutzen Telegram systematisch, um demokratische Diskurse zu vergiften und Desinformation zu verbreiten. Die Plattform dient als Koordinationszentrale für Angriffe auf andere soziale Medien, Journalisten und demokratische Institutionen.

Attila Hildmann auf einer Demonstration

Telegrams Wandel nach internationalen Skandalen

Der Fall Hildmann markierte einen Wendepunkt für Telegram. Seit 2021 geht die Plattform konsequenter gegen extremistische Inhalte vor – zunächst zögerlich, inzwischen aber deutlich entschiedener. Hildmanns Hauptkanal wurde damals auf den meisten Geräten blockiert, die Reichweite brach dramatisch ein.

Dieser Schritt war kein Zufall: Nach dem Sturm aufs US-Kapitol und wachsendem internationalen Druck begann Telegram, proaktiv gegen militante und extremistische Kanäle vorzugehen. In den USA sperrte der Dienst nach eigenen Angaben mehrere Dutzend problematische Kanäle.

Neue rechtliche Realitäten 2026

Inzwischen hat sich die rechtliche Landschaft dramatisch verändert. Der EU Digital Services Act erfasst seit 2024 auch große Messenger-Dienste mit öffentlichen Funktionen. Telegram muss transparenter über Moderationsentscheidungen berichten und bei der Bekämpfung illegaler Inhalte kooperieren.

Deutsche Behörden haben ihre Kompetenzen ebenfalls ausgebaut. Die Zentrale Stelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) kann heute effektiver gegen Telegram-Kanäle vorgehen. Mehrere Verfahren gegen Betreiber extremistischer Kanäle wurden erfolgreich abgeschlossen.

Telegram heute: Zwischen Kooperation und Widerstand

Pavel Durov, Telegrams Gründer, musste 2024 seine kompromisslose Haltung gegenüber Behörden überdenken. Nach seiner Festnahme in Frankreich kündigte er verstärkte Kooperation bei der Bekämpfung krimineller Inhalte an. Seither arbeitet Telegram enger mit Strafverfolgungsbehörden zusammen.

Dennoch bleiben Herausforderungen: Telegram wird weiterhin intensiv für Desinformationskampagnen genutzt, besonders im Kontext des Ukraine-Kriegs und bei Wahlen. Die Plattform kämpft mit dem Spagat zwischen Meinungsfreiheit und dem Schutz vor Manipulation.

Lehren aus dem Fall Hildmann

Attila Hildmann selbst ist heute weitgehend von der digitalen Bildfläche verschwunden. Sein Fall zeigt aber exemplarisch, wie Extremisten Messenger-Dienste für ihre Zwecke instrumentalisieren. Die koordinierten Angriffe auf Medien und demokratische Institutionen sind zu einem Standardrepertoire geworden.

Für Telegram bedeutet das eine dauerhafte Gratwanderung: Zu wenig Moderation führt zu internationalen Sanktionen und rechtlichen Problemen. Zu viel Eingreifen schadet dem Image als freier Messenger. Der Dienst hat sich für einen Mittelweg entschieden – mit mäßigem Erfolg.

Die deutschen Behörden haben aus dem Fall gelernt und gehen heute entschlossener gegen extremistische Telegram-Kanäle vor. Allerdings bleibt die grundsätzliche Problematik bestehen: Solange Messenger rechtlich anders behandelt werden als soziale Plattformen, bleiben Schlupflöcher für Hetzer und Extremisten.

 

Zuletzt aktualisiert am 25.02.2026

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