Wer sich auf TikTok umschaut, erkennt schnell: Die meisten Videos sind für junge Menschen gemacht, vor allem für Minderjährige. Und viele Videos werden auch von Minderjährigen erstellt und ins Netz gestellt. Eine Tatsache, die uns nicht egal sein sollte. Denn laut Gesetz und sogar laut TikToks eigenen Regeln müssen Nutzerinnen und Nutzer mindestens 13 Jahre alt sein, wenn sie die App nutzen wollen.
Zwar wird bei der Einrichtung des Kontos ein Geburtsdatum eingetragen. Aber niemand prüft, ob es da mit rechten Dingen zugeht. Wer also erst 11 ist, macht sich einfach zwei Jahre älter. Trotz verschiedener angekündigter Verbesserungen bei der Altersverifikation – das Problem besteht weiterhin.

Verstoß gegen die DSGVO bleibt bestehen
Ein klarer Verstoß gegen die Datenschutzgesetze der EU. Laut Datenschutzgrundverordnung brauchen Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren die ausdrückliche Zustimmung ihrer Eltern, wenn sie Apps wie TikTok, Facebook oder Instagram nutzen wollen. Weil diese Netzwerke die Daten der Kinder verarbeiten. Ironischerweise juckt es niemanden, ob die Netzwerke nicht auch Content bieten, der für Kinder völlig untauglich ist – was bei TikTok ohne jeden Zweifel der Fall ist.
Die Einwilligung der Eltern muss schriftlich vorliegen. Diese Regelung wird nach wie vor weitestgehend ignoriert. Auch 2026 geben die wenigsten Eltern bewusst ihre Zustimmung zur Datenverarbeitung ihrer Kinder durch Social Media-Plattformen.
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KI-gestützte Alterserkennung: Mehr Schein als Sein
TikTok hat mittlerweile verschiedene Technologien zur Altersverifikation eingeführt. Dazu gehören KI-basierte Systeme, die das Alter von Nutzern anhand ihrer Videos schätzen sollen. Die Plattform setzt dabei auf Machine Learning-Algorithmen, die Gesichtszüge, Stimme und Verhalten analysieren.
Vier Kategorien werden dabei unterschieden:
- Whitelist+ für Nutzerinnen und Nutzer, die aussehen wie 18 oder älter
- Whitelist für Nutzer, die aussehen wie 13 oder älter
- Restricted für Nutzer, die aussehen wie jünger als 13
- Under Review für unklare Fälle
Doch diese KI-gestützte Altersschätzung ist alles andere als zuverlässig. Studien zeigen, dass die Fehlerquote bei automatisierter Alterserkennung noch immer bei 20-30 Prozent liegt. Besonders problematisch: Junge Menschen können ihr Aussehen durch Make-up, Filter oder bestimmte Kleidung leicht älter wirken lassen.
Neue Regulierung, alte Probleme
Der Digital Services Act (DSA) der EU, der seit 2024 voll wirksam ist, verpflichtet große Plattformen wie TikTok zu schärferen Maßnahmen beim Jugendschutz. Doch die Realität sieht anders aus: Nach wie vor schaffen es Minderjährige problemlos, sich bei TikTok anzumelden und dort aktiv zu werden.
TikTok hat zwar reagiert und bietet jetzt:
- Erweiterte Privatsphäre-Einstellungen für unter 16-Jährige
- Zeitlimits und Pausen-Erinnerungen
- Eingeschränkte Direktnachrichten für junge Nutzer
- Bessere Melde- und Blockier-Funktionen
Doch all diese Maßnahmen greifen nur, wenn das Alter korrekt erfasst wird – und genau da liegt das Problem.
Datenschutzbehörden werden aktiv
Mittlerweile haben verschiedene europäische Datenschutzbehörden Millionen-Strafen gegen TikTok verhängt. 2024 kassierte die Plattform allein in der EU Bußgelder in Höhe von über 400 Millionen Euro – hauptsächlich wegen Verstößen beim Kinderdatenschutz.
Trotzdem ändert sich wenig an der Praxis. TikTok argumentiert, dass eine strengere Altersverifikation die Privatsphäre aller Nutzer gefährden würde, da sensiblere persönliche Daten erhoben werden müssten.
Was Eltern tun können
Solange die Plattformen ihrer Verantwortung nicht nachkommen, sind Eltern gefordert:
- Regelmäßige Gespräche über Social Media-Nutzung führen
- Gemeinsam Datenschutz- und Privatsphäre-Einstellungen überprüfen
- Alternative, altersgerechte Plattformen vorschlagen
- Bei Bedarf technische Sperren einrichten
Kinder und Jugendliche weiterhin ungeschützt
Selbst wer TikTok „nur“ nutzt, um sich Videos anzuschauen, sollte alt genug dafür sein. Da nützt es rein gar nichts, wenn KI-Systeme das Alter von Personen in Videos schätzen. Das ist nach wie vor eine Farce.
Dieses Problem ist meiner Ansicht nach viel größer als die Diskussionen um Datentransfers oder politische Einflussnahme. TikTok ist vor allem bei Minderjährigen, sogar bei Kindern beliebt – und die Schutzmaßnahmen bleiben unzureichend. Hier braucht es dringend wirksamere Regulierung und vor allem deren konsequente Durchsetzung.
Zuletzt aktualisiert am 28.02.2026